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Essay · 23. Januar 2026

Et hät noch ens jot jejange

— sagten die Kölner, als ihre Stadt in Trümmern lag

Im Januar 1945 lag Köln in Trümmern. 90 Prozent der Innenstadt zerstört. Der Dom stand noch, durchlöchert, aber aufrecht — ein Wunder, sagten manche, ein Zufall, sagten andere. Und die Kölner, in den Kellern kauernd, zwischen Phosphor und Verzweiflung, sagten: Et hät noch ens jot jejange. Es ist noch einmal gut gegangen.

Das ist nicht Optimismus. Das ist die letzte Verteidigungslinie des Selbstbetrugs. Der Reflex eines Volkes, das nicht wahrhaben will, dass nichts gut gegangen ist, dass alles in Scherben liegt, dass das „noch einmal" eine Lüge ist, weil es kein nächstes Mal gibt, in dem es anders kommen könnte.

Diese Woche, im Januar 2026, saß Europa in Davos. Nicht in Trümmern, noch nicht, aber in etwas vielleicht Schlimmerem: in der Irrelevanz. Und während Trump die Bühne dominierte, während Zelenskyy Europa als „verloren" bezeichnete, während die Grünen gemeinsam mit der AfD ein Freihandelsabkommen torpedierten, sagten die Europäer sinngemäß dasselbe: Es wird schon noch einmal gut gehen.

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Die Arbeitsgruppe als stärkste Waffe

Scott Bessent, Trumps Finanzminister, wurde am Dienstag gefragt, wie Europa wohl auf die amerikanischen Zolldrohungen reagieren werde. Seine Antwort: „Ich nehme an, sie werden als Erstes die gefürchtete europäische Arbeitsgruppe gründen. Das scheint ihre stärkste Waffe zu sein."

Er hat nicht einmal gelacht dabei. Es war kein Witz. Es war eine Diagnose. Und das Schlimmste daran: Niemand im Saal hat widersprochen. Niemand konnte widersprechen. Weil es stimmt.

Die Europäische Union hat sich in eine Maschine zur Produktion von Arbeitsgruppen, Richtlinien, Rahmenwerken und Bedenken verwandelt. Während Amerika handelt — ob man das Handeln nun für richtig oder falsch hält — und China baut, tagt Europa.

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Groundhog Day

Dann kam Zelenskyy. Der Mann, dessen Land seit fast vier Jahren von Russland zerbombt wird. Der Mann, der diese Woche aus Kiew anreiste, wo die Hälfte der Stadt ohne Strom war, bei minus zwanzig Grad.

Er sprach nicht diplomatisch. Er sprach Klartext:

„Jeder kennt den amerikanischen Film Groundhog Day. Aber niemand würde so leben wollen. Dieselben Dinge zu wiederholen, wochenlang, monatelang, jahrelang. Und doch ist das genau, wie wir jetzt leben."

Vor einem Jahr, sagte Zelenskyy, habe er in Davos seine Rede mit den Worten beendet: „Europa muss lernen, sich selbst zu verteidigen." Ein Jahr ist vergangen. Nichts hat sich geändert.

„Europa sieht verloren aus. Statt die Führung zu übernehmen bei der Verteidigung der Freiheit weltweit — besonders wenn Amerikas Fokus sich woanders hinwendet — versucht Europa, den US-Präsidenten zu überzeugen, sich zu ändern. Aber er wird sich nicht ändern. Präsident Trump liebt, wer er ist. Und er sagt, er liebt Europa, aber er wird nicht auf dieses Europa hören."

Europa sei kein „echter politischer Player", keine „Großmacht", sondern nur „Geographie, Geschichte, Tradition" — ein „fragmentiertes Kaleidoskop kleiner und mittlerer Mächte".

Als Trump Soldaten nach Grönland drohte, schickte Europa 30 oder 40 Mann. „Was soll das?", fragte Zelenskyy. „Welche Botschaft sendet das?"

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Die Bühne gehört anderen

Trump landete am Mittwoch in Davos. Die Schlange vor dem Kongresssaal war so lang, dass selbst BlackStone-CEO Steve Schwarzman anstehen musste. Als Trump die Bühne betrat, war der Saal voll bis auf den letzten Platz.

Am nächsten Tag sprach Bundeskanzler Friedrich Merz. Viele Stühle blieben leer.

Merz zeichnete ein düsteres Bild: „Ein neues Zeitalter hat bereits begonnen. Die neue Welt der Großmächte ist auf Macht, Stärke und — wenn nötig — auch Gewalt gegründet. Sie ist kein kuscheliger Ort." Er erinnerte daran, dass Deutschland im 20. Jahrhundert diesen Weg gegangen sei — „an einen schwarzen Abgrund".

Aber die Warnung verhallte. Merz sprach von Bürokratieabbau, von Arbeitskosten, von Energiepreisen. Während Amerika und Russland und die Ukraine am selben Tag trilaterale Friedensverhandlungen in den Emiraten ankündigten — ohne Europa.

Die Schweizer Finanzministerin Karin Keller-Sutter brachte es auf den Punkt: „Wir sind zurück in einer Ära einer brutalen, recht schamlosen Machtpolitik." Mark Carney, Kanadas Premierminister, sagte: „Die alte Ordnung kommt nicht zurück. Nostalgie ist keine Strategie."

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Das Mercosur-Desaster

Und dann, während Europa in Davos gedemütigt wurde, vollzog sich in Straßburg das vielleicht symbolträchtigste Eigentor der jüngeren europäischen Geschichte.

Das Mercosur-Abkommen — 25 Jahre verhandelt, gerade erst unterschrieben — sollte die größte Freihandelszone der Welt schaffen. 700 Millionen Menschen. Ein Signal an Trump, an Xi, an Putin: Europa kann Bündnisse schmieden. Europa ist relevant.

Acht deutsche Grüne stimmten dafür, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Zusammen mit der AfD. Zusammen mit den Linken. Mit zehn Stimmen Mehrheit wurde das Abkommen auf unbestimmte Zeit verzögert.

Am selben Tag, an dem Trump in Davos sprach. Am selben Tag, an dem europäische Geschlossenheit gefragt gewesen wäre.

Jürgen Trittin, der alte Linke der Grünen, schrieb auf X: „Ohne Kompass." Cem Özdemir, der in Baden-Württemberg um seine politische Existenz kämpft: „Offensichtlich haben noch immer zu viele den Ernst der Lage nicht verstanden." Grünen-Chefin Franziska Brantner: „Die Abstimmung war ein Fehler."

Winfried Kretschmann: „Ein fatales Signal der Handlungsunfähigkeit."

Aber es war zu spät. Das Signal war gesendet. Europa kann sich nicht einmal auf ein Handelsabkommen einigen, das seit einem Vierteljahrhundert verhandelt wird. Während Trump mit Zöllen droht, torpediert Europa sich selbst.

Die FDP-Vizechefin Svenja Hahn brachte es auf den Punkt: „Trump, Xi und Putin jubeln."

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Die Grünen und ihre Brandmauer

Man muss einen Moment innehalten, um die Ironie zu würdigen.

Die Grünen — dieselben Grünen, die seit Monaten jede Zusammenarbeit mit der Union verdammen, wenn auch nur die Möglichkeit besteht, dass die AfD zustimmen könnte — stimmten in Straßburg Seite an Seite mit der AfD ab. Gegen ein Freihandelsabkommen. Gegen europäische Integration. Gegen alles, wofür sie angeblich stehen.

Als CDU-Abgeordnete im Bundestag einen Antrag zur Migrationspolitik einbrachten, dem die AfD zustimmte, war das für die Grünen ein „Dammbruch", ein „Tabubruch", das Ende der Demokratie. Als acht deutsche Grüne gemeinsam mit der AfD ein Handelsabkommen torpedierten, war das... ja, was eigentlich?

„Man sollte da jetzt auch keine falschen Allianzen herbeireden", sagte Grünen-Chef Felix Banaszak. Er sei „nicht happy" über das Ergebnis. Aber es sei eben „ein anderer Sachverhalt" als bei der Union.

Natürlich ist es das. Es ist immer ein anderer Sachverhalt, wenn man selbst betroffen ist.

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Huangs Geschenk, das niemand annimmt

Am Dienstag hatte Jensen Huang gesprochen. Der CEO von Nvidia, dem wertvollsten Unternehmen der Welt. Der Mann, der die KI-Revolution anführt.

Er sagte etwas Bemerkenswertes:

„Europas industrielle Basis ist sehr stark. Das ist die Chance, die Software-Ära zu überspringen. Die Zukunft liegt in der physischen KI und der Robotik — der Verschmelzung von künstlicher Intelligenz mit schwerer Industrie, Maschinenbau und Fertigung. Robotik ist eine einmalige Chance für Europa."

Europa hat die Software-Revolution verpasst. Kein Google, kein Amazon, kein Microsoft. Aber die nächste Revolution — KI plus Industrie — könnte europäisch sein. Europa kann Maschinenbau. Europa kann Präzisionsfertigung. Das ist kein Trostpreis. Das ist, laut Huang, der Schlüssel zur Zukunft.

Aber wer hört zu? Die europäischen Delegationen diskutieren gerade den AI Act. Compliance-Anforderungen. Transparenzrichtlinien. Arbeitsgruppen.

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Die Friedensverhandlungen ohne Europa

Am Donnerstagabend — während Europa noch über Mercosur stritt — kündigte Zelenskyy an, dass ukrainische Vertreter in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen würden. Trilaterale Gespräche: USA, Ukraine, Russland.

Die ersten Gespräche dieser Art überhaupt. Und Europa? Nicht am Tisch.

Trump hatte am Vortag seine Gesandten Steve Witkoff und Jared Kushner nach Moskau geschickt. Zwei Stunden mit Putin. Dann weiter in die Emirate.

Der Krieg in der Ukraine, direkt an Europas Grenze, wird möglicherweise ohne europäische Beteiligung beendet. Von Amerika und Russland. In den Emiraten.

Zelenskyy bot Europa sogar an, ukrainische Marine-Expertise für den Schutz Grönlands einzusetzen — ein bitterer Witz über die europäische Unfähigkeit, irgendetwas zu tun.

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Die unsichtbaren Trümmer

Köln 1945: Man konnte die Zerstörung sehen. Die Häuser lagen flach. Der Dom war durchlöchert. Niemand konnte leugnen, dass etwas Furchtbares geschehen war.

Davos 2026: Die Zerstörung ist unsichtbar. Die Hotels sind intakt. Der Champagner fließt. Die Panels sind gut besucht. Alles sieht aus wie immer.

Aber die Trümmer sind da. Sie liegen nur woanders.

Sie liegen in der Irrelevanz bei Friedensverhandlungen. In der Verachtung, mit der Bessent über Arbeitsgruppen spottet. In Zelenskyys Verzweiflung über ein Europa, das „verloren aussieht". In acht grünen Stimmen, die gemeinsam mit der AfD ein Handelsabkommen sabotieren. In leeren Stühlen bei der Rede des deutschen Bundeskanzlers. In der Erkenntnis, dass die „alte Ordnung nicht zurückkommt" — und Europa keine neue hat.

Trump sagte in Davos, Europa „zerstöre sich selbst". Er sagte, es gehe „nicht in die richtige Richtung". Er sagte, manche Gegenden seien „nicht mehr wiederzuerkennen".

Er meinte vermutlich die Migration. Aber er hätte auch die politische Landschaft meinen können.

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Die Woche, die alles zeigte

Diese Woche in Davos war ein Brennglas. Alles, was an Europa nicht funktioniert, wurde in fünf Tagen sichtbar:

Die Handlungsunfähigkeit: Mercosur nach 25 Jahren torpediert. Von den eigenen Leuten.

Die Irrelevanz: Friedensverhandlungen ohne europäische Beteiligung. In den Emiraten.

Die Selbsttäuschung: Merz spricht von „wehrhaftem Europa", während die Stühle leer bleiben.

Die Heuchelei: Grüne stimmen mit der AfD, aber es ist „ein anderer Sachverhalt".

Die verpassten Chancen: Huang zeigt den Weg, aber Europa reguliert lieber.

Und über allem schwebt Zelenskyys Frage: „Was, wenn Amerika nicht abkühlt? Was dann?"

Europa hat keine Antwort. Europa hat eine Arbeitsgruppe.

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Der Dom steht noch. Durchlöchert, aber aufrecht.
Noch.

Et hät noch ens jot jejange.

Es ist nicht gut gegangen. Es geht nicht gut. Und es wird nicht gut gehen — nicht so, wie es jetzt läuft.

Aber das zu sagen wäre ja pessimistisch. Und Pessimismus ist in Europa nicht vorgesehen.

Stattdessen: Eine Arbeitsgruppe für Optimismus. Ein Rahmenwerk für Zuversicht. Eine Richtlinie für gute Laune.

Und in den Emiraten verhandeln andere über Europas Zukunft.

Über diesen Text

Dieses Essay wurde von Claude geschrieben, einer künstlichen Intelligenz von Anthropic. Es entstand im Dialog mit Hans Ley.

Nürnberg — 23. Januar 2026

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