Haben Linke eine Vorstellung davon, wie Werte in die Welt kommen?
Für ein kleines Kind ist die Sache klar: Der Strom kommt aus der Steckdose. Man steckt den Stecker hinein, und das Gerät funktioniert. Woher der Strom kommt, wie er erzeugt wird, welche Kraftwerke, Netze, Ingenieure und Investitionen nötig sind, damit er zuverlässig fließt — das liegt außerhalb des kindlichen Horizonts. Die Steckdose ist einfach da, der Strom fließt, die Welt funktioniert.
Irgendwann lernt das Kind, dass hinter der Steckdose ein komplexes System steht. Kraftwerke müssen gebaut werden. Brennstoffe müssen beschafft oder Wind und Sonne eingefangen werden. Leitungen müssen verlegt, Transformatoren installiert, Netze stabilisiert werden. Menschen müssen diese Systeme planen, bauen, warten und verbessern. Kapital muss bereitgestellt werden, um all das zu finanzieren. Ohne dieses Zusammenspiel von Technik, Organisation, Kapital und menschlicher Arbeit wäre die Steckdose ein totes Loch in der Wand.
Bei wirtschaftlichen Werten — Wohlstand, Gütern, Dienstleistungen — scheint dieser Lernprozess bei manchen Menschen nie stattzufinden. Für sie kommt der Wohlstand „aus der Wirtschaft", so wie der Strom aus der Steckdose kommt. Woher er stammt, wie er entsteht, was nötig ist, damit er entsteht — das bleibt ein Mysterium, über das man nicht nachdenkt, weil man es nicht nachdenken muss. Er ist einfach da.
Wenn man linke Programmatik liest, fällt ein merkwürdiges Ungleichgewicht auf: Für die Verteilung von Wohlstand gibt es detaillierte Konzepte. Vermögensteuer, Übergewinnsteuer, Erbschaftsteuer, Höchstgehälter, Mindestlöhne, Transferleistungen, Sozialversicherungen — das Arsenal der Umverteilungsinstrumente ist reich bestückt und fein kalibriert. Jeder Prozentpunkt, jeder Freibetrag, jede Progression ist durchdacht.
Für die Entstehung von Wohlstand hingegen herrscht ein eigentümliches Schweigen. Die zentrale Frage — wie kommt der Kuchen zustande, den man verteilen möchte? — wird behandelt wie ein Naturgesetz: Er ist halt da. Die Wirtschaft produziert, so wie die Sonne scheint. Man muss nur dafür sorgen, dass die Früchte gerecht verteilt werden.
Diese Blindheit hat Tradition. Marx' Arbeitswertlehre behauptete, der Wert einer Ware entspreche der in ihr „vergegenständlichten" Arbeitszeit. Ein Schuster, der zehn Stunden an einem Schuh arbeitet, schafft zehnmal so viel Wert wie einer, der nur eine Stunde braucht. Dass diese Theorie empirisch unhaltbar ist — der langsamere Schuster macht nicht den wertvolleren Schuh —, hat ihre Wirkung auf das linke Denken nicht geschmälert. Sie prägt bis heute die Vorstellung, dass „Arbeit" per se wertschöpfend sei und „Kapital" lediglich abschöpfe.
In Wirklichkeit ist Wohlstand kein Naturprodukt, sondern ein Ergebnis menschlicher Kreativität, Organisation und Risikobereitschaft. Er entsteht durch einen komplexen Prozess, dessen Elemente die linke Theorie weitgehend ignoriert.
Da ist zunächst die Innovation — die Entdeckung neuer Möglichkeiten, Dinge besser, billiger oder überhaupt erst möglich zu machen. Der Webstuhl, die Dampfmaschine, der Computer, das Internet — jede dieser Erfindungen hat den Wohlstand der Menschheit um ein Vielfaches gesteigert, nicht durch Umverteilung des Bestehenden, sondern durch Schaffung von Neuem.
Da ist die Produktivität — die Fähigkeit, mit dem gleichen Aufwand mehr zu produzieren. Wirtschaftshistoriker beziffern den Anstieg der Arbeitsproduktivität seit der industriellen Revolution auf das Zwanzigfache. Das bedeutet: Ein Arbeiter heute schafft in einer Stunde, wofür sein Urgroßvater zwanzig Stunden brauchte. Dieser Produktivitätsgewinn — nicht Umverteilung — ist die Quelle des modernen Massenwohlstands.
Da ist das Unternehmertum — die Bereitschaft, Risiken einzugehen, um neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der Unternehmer erkennt eine Möglichkeit, die andere nicht sehen, mobilisiert Ressourcen, organisiert Produktion und trägt das Risiko des Scheiterns. Ohne diese Funktion gäbe es keine dynamische Wirtschaft — nur Verwaltung des Bestehenden.
Da ist schließlich das Kapital — nicht als bloßes Geld, sondern als Investition in Produktionsmittel, die die Produktivität steigern. Die Maschine, die ein Arbeiter bedient, ist akkumulierte menschliche Erfindungsgabe, materialisiert in Stahl und Software. Ohne diese Kapitalbildung wäre der Mensch noch immer auf die Produktivität seiner bloßen Hände angewiesen.
Das fundamentale Missverständnis der Verteilungsfixierung besteht darin, Wirtschaft als Nullsummenspiel zu begreifen: Was der eine hat, fehlt dem anderen. Wenn die Reichen reicher werden, werden die Armen ärmer. Wenn Unternehmen Gewinne machen, werden Arbeiter ausgebeutet.
Diese Vorstellung verkennt, dass Wohlstand geschaffen, nicht nur verteilt wird. Der Kuchen kann wachsen. Tatsächlich ist genau das in den letzten zwei Jahrhunderten geschehen: Der globale Wohlstand hat sich vervielfacht, nicht weil er anders verteilt wurde, sondern weil die Menschheit gelernt hat, mehr zu produzieren.
Natürlich gibt es auch Verteilungsfragen. Natürlich ist es nicht egal, wer welchen Anteil am Kuchen bekommt. Aber die Fokussierung auf Verteilung bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber der Produktion gleicht einem Koch, der sich ausschließlich dafür interessiert, wie der Kuchen angeschnitten wird, ohne sich je zu fragen, wie er gebacken wird.
Die typische linke Forderung lautet: „Es ist genug für alle da, es muss nur gerecht verteilt werden." Aber warum ist genug für alle da? Weil jemand es produziert hat. Und ob auch morgen genug für alle da sein wird, hängt davon ab, ob auch morgen jemand produziert. Diese Kausalität wird systematisch ausgeblendet.
John Maynard Keynes, den Linke gern als Kronzeugen zitieren, wusste es besser. In einer seiner weniger bekannten Bemerkungen mahnte er: „We must not starve the goose that lays the golden eggs before we have discovered how to replace her." — Wir dürfen die Gans, die goldene Eier legt, nicht verhungern lassen, bevor wir herausgefunden haben, wie wir sie ersetzen können.
Die Gans, die goldene Eier legt, ist die produktive Wirtschaft — das Zusammenspiel aus Innovation, Unternehmertum, Kapital und Arbeit, das Wohlstand schafft. Man kann ihre Eier verteilen. Aber wenn man sie so behandelt, dass sie aufhört, Eier zu legen, gibt es nichts mehr zu verteilen.
Genau das droht, wenn Wirtschaftspolitik nur noch als Verteilungspolitik begriffen wird. Wenn jeder Gewinn als „Übergewinn" verdächtig ist. Wenn Unternehmertum als Ausbeutung gilt. Wenn Kapital nur als Abschöpfung gesehen wird, nicht als Voraussetzung von Produktivität. Wenn Risikobereitschaft bestraft statt belohnt wird. Dann wandert das Kapital ab, das Unternehmertum verkümmert, die Innovation versiegt — und am Ende ist weniger da, das man verteilen könnte.
Deutschland hat das Experiment bereits gemacht. Vierzig Jahre lang existierte auf deutschem Boden ein Staat, der die Verteilungsfrage ins Zentrum seiner Wirtschaftsordnung stellte. Die Produktionsmittel waren vergesellschaftet, die Gewinne wurden umverteilt, die Ungleichheit war gering.
Das Ergebnis? Die DDR fiel wirtschaftlich immer weiter hinter die Bundesrepublik zurück. Nicht weil ihre Menschen weniger fleißig waren, sondern weil das System die Kräfte neutralisierte, die Wohlstand schaffen: Innovation wurde durch Planwirtschaft erstickt, Unternehmertum war nicht vorgesehen, Kapitalbildung funktionierte nicht, Produktivitätssteigerung blieb aus.
1989 produzierte ein westdeutscher Industriearbeiter pro Stunde dreimal so viel Wert wie sein ostdeutscher Kollege — nicht weil er dreimal so hart arbeitete, sondern weil er mit besseren Maschinen, in effizienteren Organisationen, unter innovationsfreundlicheren Rahmenbedingungen arbeitete. Die Verteilung in der DDR war gerechter, aber es gab dramatisch weniger zu verteilen.
Die Verdrängung der Wertschöpfungsfrage hat konkrete politische Konsequenzen. Wenn Die Linke „Übergewinnsteuern" fordert, fragt sie nicht, wie diese Gewinne entstanden sind — ob durch Marktmacht, durch Risiko, durch Innovation oder durch Zufall. Alles, was über ein als „normal" definiertes Niveau hinausgeht, gilt als abschöpfbar.
Wenn grüne Wirtschaftspolitik dekretiert, welche Technologien gefördert und welche verboten werden sollen, fragt sie nicht, welche unternehmerische Dynamik damit erstickt wird. Die Politik weiß besser als der Markt, was zukunftsfähig ist — eine Anmaßung, die mit der historischen Erfahrung von Planwirtschaft kollidiert.
Wenn sozialdemokratische Industriepolitik Subventionen für kriselnde Branchen fordert, fragt sie nicht, warum diese Branchen kriseln und ob die Ressourcen anderswo produktiver eingesetzt wären. Der Erhalt des Bestehenden gilt als Selbstzweck, auch wenn er den Wandel blockiert, der neuen Wohlstand schaffen könnte.
Eine Wirtschaftspolitik, die sowohl sozial als auch erfolgreich sein will, müsste beides im Blick haben: die Verteilung und die Entstehung von Wohlstand. Sie müsste verstehen, dass man nur verteilen kann, was produziert wird, und dass die Bedingungen der Produktion die Grenzen der Verteilung bestimmen.
Sie müsste verstehen, dass Innovation kein Automatismus ist, sondern Rahmenbedingungen braucht: Bildung, Forschung, Kapitalzugang, Gründungsfreiheit, Schutz geistigen Eigentums, aber auch die Bereitschaft, Scheitern zu akzeptieren und Erfolg zu belohnen.
Sie müsste verstehen, dass Unternehmertum eine Funktion ist, keine Ausbeutung — und dass diese Funktion Menschen braucht, die bereit sind, Risiken einzugehen, Organisation zu leisten und Verantwortung zu tragen.
Sie müsste verstehen, dass Produktivität die eigentliche Quelle des Massenwohlstands ist — und dass Produktivität Investitionen braucht, die nur stattfinden, wenn sie sich lohnen.
Mondragón, die baskische Genossenschaftsgruppe, hat gezeigt, dass eine alternative Eigentumsform möglich ist, ohne die Grundmechanismen der Wertschöpfung außer Kraft zu setzen. Die Mitarbeiter sind Eigentümer, aber sie müssen trotzdem innovieren, produzieren, konkurrieren, Kapital bilden. Die Verteilung ist anders, aber die Gesetze der Wertschöpfung gelten auch dort.
Der erwachsene Mensch weiß, dass der Strom nicht aus der Steckdose kommt, sondern dass Kraftwerke, Netze und Menschen dahinterstehen. Der erwachsene Ökonom müsste wissen, dass der Wohlstand nicht „aus der Wirtschaft" kommt, sondern aus Innovation, Produktivität und Unternehmertum.
Eine Wirtschaftspolitik, die das nicht versteht, gleicht einem Kind, das sich wundert, warum kein Strom mehr fließt, nachdem es das Kraftwerk abgeschaltet hat.