In Bayern ist alles Woschd
Oder: Der joviale Landesfürst
Der Franke
Markus Söder ist kein Bayer. Er ist Franke. Das ist ein Unterschied, den nur Franken und Bayern verstehen — und den Söder überbrückt, indem er bayerischer ist als jeder Bayer.
Er trägt Lederhosen, obwohl Franken keine Lederhosen tragen. Er redet vom Freistaat, als hätte er ihn erfunden. Er verteidigt bayerische Interessen gegen Berlin mit einer Inbrunst, die selbst Franz Josef Strauß — ein echter Bayer — als übertrieben empfunden hätte.
Das ist das erste Geheimnis des Markus Söder: Er kompensiert. Wer nicht dazugehört, muss lauter sein. Wer aus Nürnberg kommt, muss München verteidigen. Wer Protestant ist, muss Kruzifixe aufhängen.
Die Wandlungen
2018: Söder lässt Kruzifixe in jeder bayerischen Behörde aufhängen. Bayern sei ein christliches Land, erklärt er. Die Kirchen protestieren — ausgerechnet die Kirchen. Das Kreuz sei kein Identitätssymbol, sagen sie. Söder ist das egal. Das Kreuz hängt.
2021: Söder umarmt Bäume. Wörtlich. Er lässt sich fotografieren, wie er einen Baum umarmt. Fridays for Future ist auf dem Höhepunkt, die Grünen in den Umfragen stark, und Söder entdeckt sein grünes Herz. Bayern werde Klimaschutzland, verkündet er. Klimaneutral bis 2040 — fünf Jahre vor dem Bund.
2023: Die grüne Konjunktur ist vorbei. Das Heizungsgesetz empört die Bürger. Und Söder? Söder frisst jetzt Grüne zum Frühstück. Robert Habeck sei der schlechteste Wirtschaftsminister aller Zeiten, erklärt er. Das Heizungsgesetz — "Murks". Bayern werde es abschaffen, sobald es möglich sei. Die Bäume, die er 2021 umarmt hat, erwähnt er nicht mehr.
2025: Söder ist Food-Influencer. Er beißt in Bratwürste, posiert mit Döner, verkauft "Söder-Döner" im Wahlkampf. Kein Volksfest, an dem er nicht kauend fotografiert wird. Die Botschaft: Ich bin einer von euch. Ich esse, was ihr esst. Ich bin volksnah.
Was ist Markus Söder? Christlich-konservativ? Öko? Anti-Grün? Food-Influencer? Die Antwort: alles, je nach Wetterlage. Söder hat keine Überzeugungen. Er hat Instinkte. Und sein Instinkt sagt ihm, was die Leute hören wollen.
Die Maschine
Bayern ist keine Demokratie im üblichen Sinn. Bayern ist eine Maschine, und die CSU ist ihr Betriebssystem.
Seit 1957 regiert die CSU — mit einer einzigen Unterbrechung von 2008 bis 2013, als sie einen Koalitionspartner brauchte. Zwei Generationen sind in Bayern aufgewachsen, ohne jemals eine andere Regierung zu kennen. Das formt ein Land.
Die CSU hat Bayern durchdrungen. Sie sitzt in den Kommunen, in den Verbänden, in den Unternehmen, in den Vereinen. Wer in Bayern Karriere machen will — in der Verwaltung, in der Wirtschaft, in der Kultur — kommt an der CSU nicht vorbei. Nicht weil die CSU es verlangt, sondern weil das Netzwerk so dicht ist, dass man unweigerlich hineingerät.
Das ist keine Verschwörung. Es ist Gewohnheit. Bayern funktioniert so, wie es funktioniert, weil es immer so funktioniert hat. Und solange es funktioniert, fragt niemand, ob es anders besser wäre.
Der Landesfürst
Franz Josef Strauß sagte einmal, das Amt des Bayerischen Ministerpräsidenten sei das schönste Amt der Welt. Er meinte es ironisch — halb. Denn tatsächlich ist der bayerische Ministerpräsident ein Landesfürst im republikanischen Gewand.
Er regiert ein Land, das größer ist als die Schweiz. Er verfügt über einen Haushalt von 84 Milliarden Euro — mehr als viele europäische Staaten. Er empfängt Staatsgäste, fliegt zu internationalen Konferenzen, trifft sich mit dem NATO-Generalsekretär. Er ist, in allem außer dem Titel, ein Regent.
Söder genießt das. Man sieht es ihm an. Wenn er vor der Presse steht, wenn er Hände schüttelt, wenn er sich fotografieren lässt — mit JD Vance, mit Vitali Klitschko, mit dem FC Bayern — dann strahlt er. Nicht das falsche Strahlen eines Berufspolitikers. Das echte Strahlen eines Menschen, der seinen Platz gefunden hat.
Der Platz ist: Mittelpunkt. Immer Mittelpunkt.
Die Jovialität
Söder ist jovial. Das ist sein Markenzeichen. Er macht Witze, er lacht laut, er klopft Schultern. Er verkleidet sich zu Fasching — als Shrek, als Batman, als Gandalf. Er postet Selfies. Er hat eine Instagram-Präsenz, die manchen Influencer neidisch machen würde.
Die Jovialität ist echt — und sie ist Strategie. Sie macht ihn ungreifbar. Wie kritisiert man jemanden, der sich selbst nicht ernst nimmt? Wie wirft man jemandem Machtgier vor, der sich als Shrek verkleidet?
Die Jovialität ist auch Ablenkung. Während alle über den Söder-Döner reden, reden sie nicht über die Substanz. Was ist Söders Vision für Bayern? Was will er in zehn Jahren erreicht haben? Niemand weiß es. Vielleicht weiß er es selbst nicht. Aber das macht nichts — solange die Bilder stimmen.
Söder regiert nicht durch Ideen. Er regiert durch Präsenz. Durch das ständige Gefühl: Da ist einer, der kümmert sich. Was er tut, ist zweitrangig. Dass er etwas tut, ist alles.
Der Länderfinanzausgleich
Es gibt ein Thema, bei dem Söder konsequent ist: Geld.
Bayern zahlt in den Länderfinanzausgleich. Viel. 12 Milliarden Euro im Jahr 2025. Seit Bayern Geberland ist, hat es 140 Milliarden Euro an andere Bundesländer überwiesen. Söder rechnet das gern vor: 13 Elbphilharmonien. 34 Stadien für den FC Bayern. Eine Maß Bier für jeden Erdenbürger.
Er hat nicht unrecht. Der Länderfinanzausgleich hat Fehlanreize. Wer mehr erwirtschaftet, gibt mehr ab. Wer wenig erwirtschaftet, bekommt. Das bestraft Erfolg und belohnt Mittelmäßigkeit.
Aber Söder verschweigt die andere Seite. Bayern war selbst Empfängerland — bis 1986. Der Aufstieg vom Agrarland zum Hightech-Standort wurde mit Geld aus dem Westen finanziert. Die Autobahnen, die Universitäten, die Forschungszentren — sie wurden nicht nur von Bayern bezahlt. Jetzt, wo Bayern reich ist, will es nicht mehr teilen.
Das ist verständlich. Es ist auch scheinheilig.
Die Drei-Löwen-Allianz
Januar 2026: Söder tritt in Berlin auf, zusammen mit Boris Rhein aus Hessen und Manuel Hagel aus Baden-Württemberg. Die "Drei-Löwen-Allianz" — benannt nach den Löwen in den Landeswappen. Gemeinsam wollen sie den Länderfinanzausgleich reformieren.
Die Inszenierung ist perfekt. Drei starke Länder gegen den Rest. Die Fleißigen gegen die Faulen. Die Löwen gegen die Schafe.
Nur: Was wollen sie eigentlich? Eine Föderalismuskommission, die "das Ungleichgewicht" untersucht. Vielleicht Länderfusionen. Vielleicht weniger Bundesländer. Vielleicht irgendetwas.
Konkretes? Nichts. Aber die Bilder waren gut. Söder saß in der Mitte.
Die Substanz
Was hat Söder erreicht? Seit 2018 ist er Ministerpräsident. Was ist anders geworden?
Die Kruzifixe hängen. Das Familiengeld — sein Prestigeprojekt — wurde wieder abgeschafft, weil es zu teuer wurde. Das Landespflegegeld wurde halbiert. Die Klimaziele von 2021 sind still vergessen. Die Digitalisierung der Verwaltung stockt wie überall. Die Schulen fehlen Lehrer. Die Krankenhäuser fehlen Personal.
Bayern lebt von seiner Substanz. Von BMW und Siemens, von Allianz und Munich Re, von Mittelständlern, die ihre Geschäfte trotz der Politik machen, nicht wegen ihr. Die CSU verwaltet den Wohlstand. Sie schafft ihn nicht.
Aber solange der Wohlstand da ist, fällt das nicht auf. Und solange Söder präsent ist, fragt niemand nach.
Zum Glück leben wir in Bayern
"Zum Glück leben wir in Bayern" — das ist Söders Standardsatz. Er sagt ihn bei jeder Gelegenheit. Bayern sei fast überall bundesweit an der Spitze: beim Arbeitsmarkt, in der Wirtschaft, bei der Sicherheit, in Schule und Bildung.
Es stimmt. Bayern steht besser da als die meisten Bundesländer. Aber ist das Söders Verdienst? Oder ist es das Erbe von Jahrzehnten, in denen Bayern klug investiert hat — lange bevor Söder kam?
Die Frage wird nicht gestellt. Weil: Wozu? Solange es läuft, ist alles Woschd.
"Woschd" — fränkisch für "Wurst", also "egal". In Bayern ist alles Woschd, solange die Wirtschaft brummt, das Bier fließt und der Ministerpräsident lächelt. Inhalte? Woschd. Langfristige Planung? Woschd. Substanz? Woschd.
Das schlechteste Ergebnis
Dezember 2025: Söder wird zum fünften Mal zum CSU-Vorsitzenden gewählt. 83,6 Prozent. Sein schlechtestes Ergebnis.
In einer normalen Partei wäre 83,6 Prozent ein Triumph. In der CSU ist es eine Ohrfeige. Horst Seehofer bekam einmal 87,2 Prozent und galt als angeschlagen. Edmund Stoiber bekam 93 Prozent und fühlte sich unsicher.
Die CSU ist keine normale Partei. Sie ist ein Hofstaat. Und im Hofstaat bedeutet alles unter 90 Prozent: Die Höflinge werden unruhig.
Was läuft schief? Die Kommunalwahlen im März. Die AfD, die auch in Bayern auf 19 Prozent steht. Die Jungen, die die CSU langweilig finden. Die Älteren, die sich fragen, was nach Söder kommt.
Söder reagiert, wie er immer reagiert: mit mehr Präsenz. Mit mehr Fotos. Mit mehr Döner. Mit der Drei-Löwen-Allianz. Mit täglichen Interviews. Mit irgendetwas, das ablenkt.
Der Höfling
Es gibt ein Bonmot über Söder: Er sei der beste Höfling, den die CSU je hatte — der aber König sein will.
2021 wollte er Kanzlerkandidat werden. Armin Laschet bekam den Zuschlag. Söder verlor — und machte gute Miene. Er unterstützte Laschet, halbherzig. Die Union verlor die Wahl. Söder sagte nicht "ich hab's euch gesagt". Er musste nicht. Alle wussten es.
2025 wollte er wieder Kanzlerkandidat werden. Friedrich Merz bekam den Zuschlag. Söder verlor — wieder. Diesmal machte er nicht gute Miene. Er stichelte, er nörgelte, er kritisierte. Bis Merz Kanzler wurde. Dann war Söder plötzlich loyal.
Der Höfling hat gelernt: Wer König ist, bestimmt nicht der Höfling. Aber der Höfling kann warten. Er kann sich unverzichtbar machen. Er kann seine Provinz gut regieren und darauf hoffen, dass der König stolpert.
Söder wartet. Er ist 59. Er hat Zeit.
Was bleibt
Was bleibt von Markus Söder? Wenn er eines Tages abtritt — freiwillig oder nicht — was wird man über ihn sagen?
Dass er präsent war. Dass er unterhaltsam war. Dass er den Ton der Zeit getroffen hat — jeden Ton, jeden Tag einen anderen. Dass er Bayern durch keine Krise geführt hat, weil Bayern keine Krise hatte. Dass er nichts verändert hat, weil nichts verändert werden musste — oder weil er es nicht wollte.
Er wird keine Spuren hinterlassen. Keine Reformen, keine Visionen, keine Richtungsentscheidungen. Er wird hinterlassen: Bilder. Tausende Bilder. Söder mit Bratwurst, Söder mit Kruzifix, Söder als Shrek, Söder mit Döner, Söder mit Baum, Söder überall.
In Bayern ist alles Woschd. Solange einer da ist, der lächelt und redet und sich fotografieren lässt. Solange einer da ist, der "zum Glück leben wir in Bayern" sagt und es selbst zu glauben scheint. Solange einer da ist, der den Laden zusammenhält — nicht durch Führung, sondern durch Präsenz.
Markus Söder ist dieser Einer. Der joviale Landesfürst. Der Franke, der Bayer sein will. Der Höfling, der König sein will. Der Mann, der alles ist und nichts — je nach Bedarf.