I. Warum Essay IX die Gegenwart verschwieg
Der aufmerksame Leser wird es bemerkt haben: Mein Essay über „Die Geburt der Industrie aus dem destruktiven Geist des Krieges" endete in einer seltsamen Zeitlosigkeit. Ich sprach von DARPA und SPRIND, von Krupp und dem Zweiten Weltkrieg, vom deutschen Paradox — aber ich schwieg über den 27. Februar 2022.
Das war Absicht.
Ich wollte noch einmal jene Welt beschwören, in der wir uns eingerichtet hatten: eine Welt, in der Deutschland glaubte, seine Vergangenheit durch Pazifismus sühnen zu können. Eine Welt, in der Rüstungsexporte ein schmutziges Geschäft waren, über das man nicht sprach. Eine Welt, in der der Maschinenbau stolz darauf war, Werkzeugmaschinen zu bauen, nicht Waffen.
Diese Welt existiert nicht mehr.
II. Der 27. Februar 2022
Es war ein Sonntag. Drei Tage zuvor hatten russische Truppen die Ukraine überfallen. Der Bundestag kam zu einer Sondersitzung zusammen — allein das war beispiellos. Und dann sprach Olaf Scholz, 81 Tage im Amt, jenen Satz, der in die Geschichte eingehen wird:
„Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor."
— Bundeskanzler Olaf Scholz, 27. Februar 2022
Was folgte, war die größte Aufrüstungsankündigung in der Geschichte der Bundesrepublik: 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr. Über Nacht. Ohne nennenswerte Debatte. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit ins Grundgesetz geschrieben.
Die Börse verstand sofort. Rheinmetall, jahrelang ein langweiliger Wert am unteren Ende des MDAX, wurde zum Überflieger. Eine Vervierundzwanzigfachung in drei Jahren. Im März 2023 stieg die Aktie in den DAX auf. Im Februar 2025 durchbrach sie die 1.000-Euro-Marke.
Das ist kein Aktienmarkt. Das ist ein Referendum über den Krieg.
III. Die Wiederkehr der Triade
In meinem vorigen Essay sprach ich von der unheiligen Allianz zwischen Mars und Merkur — zwischen dem Kriegsgott und dem Gott des Handels. Aber die Dyade war unvollständig. Der Dritte fehlt: Hephaistos.
Hephaistos ist der Gott der Schmiedekunst und der Erfindung. Er ist der einzige Handarbeiter unter den olympischen Göttern. Er schuf den bronzenen Riesen Talos — den ersten Roboter der Mythologie — der die Insel Kreta beschützen sollte. Er schmiedete die Blitze des Zeus, den Dreizack des Poseidon, die Rüstung des Achilles.
Aber Hephaistos ist auch ein Außenseiter. Er wurde lahm geboren, von seiner Mutter Hera vom Olymp gestoßen, weil er hässlich war. Er arbeitet nicht in den strahlenden Hallen der Götter, sondern in einer Werkstatt unter dem Vulkan. Er schafft Wunderwerke, aber er gehört nicht dazu.
Klingt das nicht vertraut? Der Erfinder, der nicht ins System passt. Der Maschinenbauer, der Präzision liebt, aber von den Mächtigen nur gerufen wird, wenn sie seine Werkzeuge brauchen. Das Unkraut in den Ritzen.
Und jetzt rufen sie wieder nach Hephaistos.
IV. Die Konvertiten
Es ist nicht nur Rheinmetall. Die wahre Geschichte der Zeitenwende spielt sich im Mittelstand ab.
Die Zahlen der Konversion
Die Zahl der Unternehmen, die ihre Produktion von Maschinenbau oder Automobilteilen auf Rüstung umstellen wollen, hat sich binnen eines Jahres beinahe verdoppelt: von 243 auf 440. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie meldet, man werde von neuen Mitgliedsanfragen „überrannt".
Bosch, der Konzern, der jahrzehntelang aus Prinzip nicht mit der Rüstungsindustrie zusammenarbeitete, lässt nun verlauten: „Wir wollen unseren Beitrag leisten und schauen uns die Möglichkeit derzeit genau an."
Trumpf, der schwäbische Laserspezialist, dessen christlich geprägte Eignerfamilie Leibinger Geschäfte mit Waffen im Gesellschaftsvertrag ausschließt, deutet eine „Zeitenwende" im Unternehmen an. Peter Leibinger, Aufsichtsratschef und Miteigentümer, sagte auf der Münchner Sicherheitskonferenz:
„Auch wir in der Wirtschaft müssen unseren nötigen Beitrag zu einer wehrhaften Demokratie neu bewerten und damit den Wert der Verteidigungsfähigkeit und der notwendigen Güter innerlich bejahen."
— Peter Leibinger, Münchner Sicherheitskonferenz 2024
„Innerlich bejahen" — das ist die Sprache der Konversion. Es ist die Sprache von Menschen, die ihre Überzeugungen aufgeben und dafür eine moralische Rechtfertigung suchen.
Scholz verkündet die „Zeitenwende" — 100 Milliarden Sondervermögen
Grundgesetzänderung mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschlossen
Rheinmetall steigt in den DAX auf
Deutsche Rüstungsexporte erreichen Rekordwert: 13,33 Milliarden Euro
Merz-Koalition beschließt eine Billion Euro neue Schulden
Rheinmetall-Chef Armin Papperger beschreibt, was er vom Maschinenbau braucht: „Für unsere Waffensystemfertigung benötigen wir unter anderem moderne CNC-Maschinen." Der Rüstungsboom erfasst die gesamte Lieferkette.
V. Das Sondervermögen, oder: Schulden heißen jetzt Vermögen
Aber wer bezahlt das alles?
Im Kaiserreich war die Antwort klar: der besiegte Feind. Die Kriegsentschädigung von 1871 — fünf Milliarden Goldfrancs, die Frankreich nach der Niederlage zahlen musste — nährte die Illusion, Krieg sei ein Geschäft.
Im Dritten Reich war die Antwort noch brutaler: Plünderung. Die Aufrüstung ab 1933 wurde auf Pump finanziert, mit der expliziten Erwartung, dass die besiegten Länder ausgeraubt würden.
Und heute? Heute stellt niemand die Frage.
Die Arithmetik der „Sondervermögen"
Scholz, Februar 2022: 100 Milliarden Euro Sondervermögen Bundeswehr
Merz, März 2025: 500 Milliarden Euro Sondervermögen Infrastruktur
Zusätzlich: Verteidigungsausgaben über 1% des BIP von der Schuldenbremse ausgenommen
Summe: Etwa eine Billion Euro neue Schulden.
„Sondervermögen" — das Wort ist ein Meisterwerk der Orwellschen Sprache. Es klingt nach Schatz, nach etwas, das man hat. In Wahrheit sind es Schulden.
Aber die entscheidende Frage bleibt ungestellt: Wer zahlt das zurück?
Die verdrängte Frage
1914: „Der Feind wird zahlen."
1939: „Die besiegten Länder werden geplündert."
2025: Schweigen.
VI. Die moralische Volte
Am bemerkenswertesten ist die Geschwindigkeit der moralischen Anpassung.
Noch 2021 war Rüstung in Deutschland ein Stigma. Banken weigerten sich, Rüstungsunternehmen zu finanzieren. ESG-Kriterien schlossen Waffenhersteller kategorisch aus.
Heute spricht man von „Verteidigungsfähigkeit". Von „wehrhafter Demokratie". Von „Sicherheitsinvestitionen". Die Sprache hat sich gewandelt — und mit ihr das Gewissen.
Konversion war gestern. Heute ist Aufrüstung Industriepolitik.
VII. Zweimal gescheitert
Die historische Warnung
Deutschland hat zweimal versucht, seine Wirtschaft durch Aufrüstung anzukurbeln. Beide Male endete es in einer Katastrophe.
Das erste Mal war das Kaiserreich. Die Flottenrüstung unter Tirpitz, der Dreadnought-Wettlauf mit Großbritannien — sie führten geradewegs in den Ersten Weltkrieg.
Das zweite Mal war das Dritte Reich. Die Aufrüstung ab 1933 beendete die Massenarbeitslosigkeit. Und sie führte geradewegs in den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die totale Zerstörung.
Jetzt versuchen sie es zum dritten Mal.
Die Rüstungsindustrie ist kein Wasserhahn, den man auf- und zudrehen kann. Sie schafft Abhängigkeiten, Interessen, Lobbys. Sie schafft Menschen, deren Arbeitsplätze vom Krieg abhängen.
Und sie schafft eine Wirtschaft, die den Krieg braucht, um zu überleben.
VIII. Deutschland als Beute
Länder ohne natürliche Ressourcen bezahlen ihre Schulden am Ende mit Land und Ressourcen. Deutschland hat keine Ressourcen. Was bleibt?
Szenario A: Der Truppenübungsplatz
Deutschland wird zum Aufmarschgebiet. Die NATO-Partner nutzen das Land für Manöver, Logistik, Stationierung.
Szenario B: Disneyland Europa
Deutschland wird zum Museum. Chinesische und amerikanische Touristen fotografieren Neuschwanstein und Heidelberg. Ein Freilichtmuseum der Romantik, betrieben von internationalen Investoren.
In beiden Szenarien stellt sich dieselbe Frage: Wer sitzt an der Kasse? Mit Sicherheit kein Deutscher mehr.
Nicht durch Panzer. Durch Anleihen.
IX. Münchhausen und sein Schopf
Baron Münchhausen, so erzählte er selbst, sei einmal mit seinem Pferd in einen Sumpf geraten. Da habe er sich an seinem eigenen Zopf gepackt und sich mitsamt dem Pferd aus dem Sumpf gezogen.
Jeder weiß, dass das nicht funktioniert. Die Physik verbietet es. Man kann sich nicht selbst hochziehen.
Friedrich Merz versucht genau das. Er will den deutschen Staat aus dem Struktursumpf ziehen — mit Schulden. Schulden, die er selbst aufnimmt. Schulden, die die gleichen Strukturen finanzieren, die den Sumpf erst geschaffen haben.
Und Münchhausen ritt auf einer Kanonenkugel. Das passt auch.
„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise, denselben Strukturen und denselben Menschen lösen, durch die sie entstanden sind."
— frei nach Albert EinsteinDieses Essay ist Teil der Serie „Die mittelmäßige Exzellenz"
Das Material fließt in das Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine" ein.