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Essay · Februar 2026

Wem Gott ein Amt gibt…

…oder die abnehmende Qualifikation für ein Minister(innen)-Amt

I. Das Sprichwort und sein Verfall

„Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand" – so lautet ein altes deutsches Sprichwort, das man schon in der Barockzeit ironisch meinte. Es war nie als Tatsachenbeschreibung gedacht, sondern als frommer Wunsch, als Stoßgebet derer, die unter inkompetenten Obrigkeiten zu leiden hatten. Die Hoffnung war: Irgendwie wird der liebe Gott schon nachliefern, was bei der Besetzung vergessen wurde.

Vierhundert Jahre später muss man feststellen: Gott hat aufgehört zu liefern. Oder genauer: Die Bestellungen werden gar nicht mehr an ihn weitergeleitet. Denn die Vergabe von Ministerämtern in der Bundesrepublik Deutschland folgt längst einer eigenen Theologie, in der Sachverstand bestenfalls als schmückendes Beiwerk gilt – wie eine hübsche Krawatte zum schlecht sitzenden Anzug.

II. Die goldene Ära: Als Minister noch vom Fach waren

Es gab eine Zeit, da war die Besetzung eines Ministeramts nicht primär eine Frage des Parteienproporzes, sondern eine Frage der Kompetenz. Als Konrad Adenauer 1949 sein erstes Kabinett zusammenstellte, holte er sich Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister – einen promovierten Volkswirt, der als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft bereits die Währungsreform durchgesetzt hatte und der später als „Vater des Wirtschaftswunders" in die Geschichte eingehen sollte. Erhard war Wirtschaftswissenschaftler, bevor er Wirtschaftsminister wurde. Nicht umgekehrt.

Karl Schiller, der 1966 unter Kiesinger das Wirtschaftsressort übernahm, war ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre und hatte als Hamburger Wirtschaftssenator seine theoretischen Konzepte bereits in der Praxis erprobt. Sein „Magisches Viereck" der Wirtschaftspolitik war keine Wahlkampfparole, sondern ein durchdachtes ordnungspolitisches Konzept. Als Helmut Schmidt 1969 Verteidigungsminister wurde, brachte er nicht nur seine Zeit als Innensenator Hamburgs mit, wo er sich während der Sturmflut 1962 als Krisenmanager bewährt hatte – er war auch Reserveoffizier und hatte ein genuines Verständnis für militärische Strukturen.

Es war einmal eine Zeit, da hätte man sich geschämt, jemanden für ein Amt vorzuschlagen, der von der Materie so viel versteht wie ein Friseur von Quantenmechanik.

Hans-Dietrich Genscher prägte als Außenminister achtzehn Jahre lang die deutsche Außenpolitik – er hatte sein Handwerk von der Pike auf gelernt, zuerst als Innenminister, dann als Chefdiplomat. Wenn Genscher über die Ost-West-Beziehungen sprach, dann nicht, weil er ein Briefing gelesen hatte, sondern weil er die Materie durchdrungen hatte.

III. Der schleichende Niedergang

Der Verfall kam nicht über Nacht. Er kam in Wellen, jede ein wenig dreister als die vorherige. Unter Helmut Kohl begann die systematische Verwechslung von Parteitreue mit Regierungsfähigkeit. Minister wurden weniger nach dem ausgewählt, was sie konnten, als nach dem, wen sie repräsentierten: den richtigen Landesverband, den richtigen Parteiflügel, das richtige Geschlecht, die richtige Konfession. Das Kabinett wurde zum Spiegelbild der Parteistatistik statt zum Kompetenzteam.

Unter Angela Merkel perfektionierte sich dieses System. Das Kabinett wurde zur politischen Rechenaufgabe: zwei Frauen aus dem Osten, ein CSU-Mann aus Oberbayern, ein Vertreter des Arbeitnehmerflügels, ein Quotenprotestant. Fachliche Eignung? Wenn sie zufällig dazu passte, umso besser. Wenn nicht, auch kein Beinbruch – dafür gibt es ja Staatssekretäre.

Unter der Ampelkoalition erreichte das Prinzip eine neue Qualitätsstufe. Eine promovierte Trampolinspringerin als Verteidigungsministerin, ein Kinderbuchautor als Wirtschaftsminister, ein Jurist ohne jede außenpolitische Erfahrung als Außenbeauftragter – die Kabinettsbildung ähnelte zunehmend einem Gesellschaftsspiel, bei dem Ressorts per Zufall verteilt werden.

IV. Das Kabinett Merz: Anatomie einer Bankrotterklärung

Man hätte hoffen können, dass die Regierung Merz, gestartet am 6. Mai 2025 mit dem Anspruch, „Verantwortung für Deutschland" zu übernehmen, wenigstens ansatzweise zum alten Prinzip der Sachkompetenz zurückkehren würde. Friedrich Merz, selbst Jurist und ehemaliger Wirtschaftsanwalt mit BlackRock-Erfahrung, hatte im Wahlkampf „Leistung" und „Kompetenz" beschworen.

Was er dann lieferte, war das Übliche – nur mit noch dickerer Ironie.

Mehr als die Hälfte der Regierungsmitglieder hat keinerlei Erfahrung in der Regierungsarbeit – den Kanzler und seinen Vizekanzler eingeschlossen. Fünf der zehn Unionsminister sind Juristen. Und die Besetzung der Einzelressorts liest sich wie ein Experiment in organisierter Fachfremdheit:

Nina Warken wird Gesundheitsministerin. Ihre Qualifikation? Sie ist Rechtsanwältin, war parlamentarische Geschäftsführerin und CDU-Generalsekretärin in Baden-Württemberg. Mit Gesundheitspolitik hatte sie, wie der designierte Kanzler selbst freimütig einräumte, „nichts zu tun". In den Koalitionsverhandlungen saß sie in der Arbeitsgruppe Inneres, Recht und Migration. Aber sie kommt aus der Jungen Union, hat die Frauenunion hinter sich und den starken Landesverband Baden-Württemberg. Das genügt.

Patrick Schnieder übernimmt das Verkehrsministerium. Ein Jurist aus Bitburg-Prüm, dessen verkehrspolitische Erfahrung sich darauf beschränkt, dass er als Kreistagsabgeordneter vermutlich regelmäßig über Schlaglöcher gefahren ist. Ein Vierteljahrhundert Kreistagsmitglied, Kreisvorsitzender, Landesgruppenchef – ein Mann der Basis, zweifellos. Aber ein Verkehrsminister?

Verena Hubertz wird Bauministerin. Die 37-Jährige ist seit 2021 im Bundestag und hat vorher das Koch-Startup „Kitchen Stories" gegründet. Von Wohnungsbau und Stadtentwicklung versteht sie so viel wie von jedem anderen Thema, das sie sich seit ihrer Parlamentszugehörigkeit im Schnelldurchlauf anlesen konnte.

Das Kabinett Merz beweist: In der deutschen Politik wird das Bewerbungsgespräch für einen Ministerposten nicht nach dem Lebenslauf geführt, sondern nach dem Organigramm der Partei.

V. Die wahren Auswahlkriterien

Wer die Kabinettsbildung verstehen will, muss die tatsächliche Kriterienliste kennen, nach der Minister ausgewählt werden. Sie lautet, in absteigender Reihenfolge der Wichtigkeit:

Erstens: Landesverband. Niedersachsen fühlte sich beim Kabinett Merz „übergangen" und protestierte lautstark. Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein bekamen jeweils zwei Ministerien – nicht weil dort die besseren Köpfe sitzen, sondern weil die Machtarithmetik es so wollte.

Zweitens: Geschlecht. Acht Ministerinnen und neun Minister, dazu der Kanzler – die Quote muss stimmen. Das ist kein emanzipatorischer Fortschritt, es ist Personalplanung nach Geschlechtsteil statt nach Gehirninhalt.

Drittens: Parteiflügel. Der CDA-Chef Dennis Radtke klagte, dass „kein Vertreter der christlich-sozialen Wurzel" im Kabinett sitze – etwas, das es „von Adenauer bis Merkel nie gegeben" habe. Die Klage bezog sich wohlgemerkt nicht auf fehlende Sachkompetenz, sondern auf fehlende Flügelrepräsentanz.

Viertens: Loyalität. Kanzleramtsminister Thorsten Frei gilt als „einer der engsten Vertrauten" von Merz. Das ist seine Hauptqualifikation für das mächtigste Koordinierungsamt der Republik.

Fünftens, wenn noch Platz ist: Fachkompetenz. Die positive Ausnahme im Kabinett Merz ist Katherina Reiche als Wirtschaftsministerin, die als ehemalige parlamentarische Staatssekretärin und Chefin der E.ON-Tochter Westenergie tatsächlich Wirtschaftserfahrung mitbringt. Dass sie prompt von der Linken als „E.ON-Lobbyistin" angefeindet wurde, ist bezeichnend: Wer tatsächlich etwas von der Sache versteht, macht sich verdächtig.

VI. Die Verteidigung der Inkompetenz

Die Standardverteidigung lautet: „Minister sind keine Sachbearbeiter, sondern Führungskräfte." So formulierte es ein Kommentator von t-online mit dem Brustton der Überzeugung, und er hat nicht ganz Unrecht. Ein Gesundheitsminister muss nicht selbst operieren können. Aber er sollte wissen, was ein DRG-System ist, bevor er eine Krankenhausreform verantwortet.

In der Privatwirtschaft wäre der Gedanke absurd, einen Automobilkonzern von jemandem führen zu lassen, der noch nie ein Auto von innen gesehen hat, mit dem Argument: „Führungskompetenz ist wichtiger als Fachkompetenz." Ein Siemens-Vorstandsvorsitzender ohne technisches Verständnis? Ein Klinikchef ohne medizinischen Sachverstand? Undenkbar. Aber im Ministeramt, wo es um Milliarden und Millionen Menschenleben geht, genügt es offenbar, „diszipliniert, teamorientiert und loyal" zu sein.

Die zweite Verteidigungslinie heißt: „Dafür gibt es ja die Staatssekretäre." Bei Nina Warken sind das Tino Sorge und Georg Kippels – beide seit 2013 im Gesundheitsausschuss. Die Fachkompetenz sitzt also eine Etage tiefer. Die Ministerin selbst ist das dekorative Aushängeschild, das auf Pressekonferenzen Sätze vorliest, die andere geschrieben haben. Dass das so offen kommuniziert wird, ohne dass sich jemand dafür schämt, zeigt die Fortgeschrittenheit des Verfalls.

VII. Was verloren geht

1949 – Ludwig Erhard

Promovierter Volkswirt

15 Jahre Wirtschaftsforschung

Direktor Verwaltung für Wirtschaft

Währungsreform durchgesetzt

→ Wird Wirtschaftsminister

2025 – Nina Warken

Rechtsanwältin

Parlamentarische Geschäftsführerin

CDU-Generalsekretärin BaWü

Verhandelte AG Inneres/Migration

→ Wird Gesundheitsministerin

Der Unterschied ist nicht nur quantitativ, er ist qualitativ. Wenn ein Minister sein Fach beherrscht, kann er beurteilen, ob die Vorlagen, die ihm sein Apparat vorlegt, Sinn ergeben. Er kann Gegenargumente formulieren, Alternativen denken, Lobbyisten durchschauen. Ein fachfremder Minister ist seinem Apparat ausgeliefert. Er wird zum Unterschriftenautomaten, der gelegentlich auf Pressekonferenzen Sätze aufsagt.

Schlimmer noch: Ein fachfremder Minister kann keine Prioritäten setzen. Er weiß nicht, welche der hundert Baustellen die dringendste ist, welche Reform den größten Hebel hat, welcher Kompromiss vertretbar ist und welcher die Substanz zerstört. Er navigiert blind – und die Ergebnisse nach acht Monaten Kabinett Merz bestätigen das. Die Gesundheitsreform stockt, das Pflegereform-Papier bewertet der eigene Kanzler als „nicht befriedigend", die Krankenkassenbeiträge steigen. Die Stimmung im Land ist schlecht.

VIII. Die Juristen-Republik

Ein besonderes Kapitel verdient die Juristen-Dominanz im Kabinett. Fünf der zehn Unionsminister haben Rechtswissenschaften studiert: Wadephul, Frei, Schnieder, Warken und Prien. Der Kanzler selbst ist Jurist. Zusammen mit den SPD-Juristen im Kabinett ergibt sich das Bild einer Regierung, die von einer einzigen akademischen Disziplin dominiert wird.

Das hat Tradition. Aber Tradition ist keine Rechtfertigung. Ein Jurist lernt, Paragraphen auszulegen. Er lernt nicht, wie eine Volkswirtschaft funktioniert, wie ein Gesundheitssystem organisiert wird, wie man eine Energiewende steuert oder wie digitale Infrastruktur aufgebaut wird. Die Überpräsenz von Juristen in der Politik ist ein Symptom dafür, dass die Ochsentour durch Parteistrukturen – Ortsverein, Kreistag, Landtag, Bundestag – eine bestimmte Sorte Mensch bevorzugt: den rhetorisch geschulten Generalisten ohne tiefe Fachkenntnis in irgendeinem Sachgebiet außer dem Parteienrecht.

Es fehlen: Ingenieure, Naturwissenschaftler, Mediziner, Informatiker, Ökonomen mit Praxiserfahrung. Menschen, die wissen, wie Dinge funktionieren – nicht nur, wie man über sie redet.

IX. Der internationale Vergleich

In anderen Ländern ist die Sache keineswegs so selbstverständlich. Als Emmanuel Macron 2017 sein erstes Kabinett bildete, holte er Nicolas Hulot als Umweltminister – einen Mann, der sein halbes Leben dem Umweltschutz gewidmet hatte. Jean-Yves Le Drian brachte als Verteidigungsminister jahrelange Erfahrung im Verteidigungsausschuss und als regionaler Spitzenpolitiker mit.

In den skandinavischen Ländern, die in internationalen Governance-Rankings regelmäßig vorn liegen, ist die fachliche Eignung ein selbstverständliches Kriterium bei der Kabinettsbildung. Nicht das einzige, aber ein gewichtiges. In Deutschland ist es zum Luxuskriterium degradiert worden – einem „Nice to have", das man einfordert, wenn alle anderen Gleichungen aufgegangen sind.

X. Das System als Ursache

Die Ursache liegt im System selbst. Die Kabinettsbildung in Deutschland ist ein Verteilungskampf zwischen Parteiorganisationen, nicht eine Talentsuche. Der Koalitionsvertrag teilt erst die Ressorts nach Parteien auf – CDU bekommt sechs Ministerien plus Kanzleramt, CSU drei, SPD sieben – und dann beginnt innerhalb jeder Partei das Gefeilsche um die Personalien. Wer hat Anspruch? Wer hat Verdienste? Wer ist noch unterzubringen?

In diesem Verfahren kommt die Frage „Wer kann das am besten?" strukturell zu spät. Sie kommt erst, wenn die Grundentscheidungen schon gefallen sind. Erst wird das Amt vergeben, dann wird geschaut, ob der Verstand mitgeliefert wurde. Genau so, wie es das alte Sprichwort beschreibt – nur dass heute niemand mehr auf göttliche Nachlieferung hofft. Stattdessen hofft man auf die Staatssekretäre.

XI. Was zu tun wäre

Die Lösung wäre so einfach wie politisch unmöglich: Man müsste die Kabinettsbildung vom Kopf auf die Füße stellen. Erst die Probleme definieren, dann die besten Köpfe für die Probleme suchen, dann – und nur dann – die parteiinterne Arithmetik justieren. Aber das wird nicht geschehen, weil es den Machtinteressen der Parteien widerspricht. Die Parteien vergeben Ministerposten als Belohnung für Loyalität, als Befriedigung regionaler Ansprüche, als Abfindung für unterlegene Konkurrenten. Das Ministeramt als Sachaufgabe kommt in dieser Logik nicht vor.

Was also bleibt? Vielleicht nur die Erkenntnis, dass das Sprichwort umgeschrieben werden muss. Nicht mehr „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand", sondern, ehrlicher:

„Wem die Partei ein Amt gibt, dem gibt sie auch zwei Staatssekretäre."

Ob das reicht, um ein Land mit 84 Millionen Menschen durch Rezession, Energiewende, digitale Transformation, demografischen Wandel und geopolitische Verwerfungen zu steuern, sei dahingestellt. Ludwig Erhard, der promovierte Volkswirt aus Fürth, der 1949 mit 15 Jahren Forschungserfahrung Wirtschaftsminister wurde, hätte dazu vermutlich seine Zigarre aus dem Mund genommen und etwas Unfreundliches gesagt.

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