gu18.eu
DE EN

Alle haben einen Plan

Über die völlige Katastrophe der deutschen Industriepolitik
Hans Ley · Februar 2026

I. Die Note

Im Februar 2026 befragte das ifo-Institut 6.300 deutsche Unternehmen nach ihrer Bewertung der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung. Das Ergebnis: Note 4,2. In der Schule wäre das ein knappes „Ausreichend" — mit Tendenz zum Sitzen­bleiben. Der Mittelstandsverband legte nach und schickte dem Kanzler einen Brief, dessen Schärfe in der Geschichte der deutschen Unternehmer­verbände ihresgleichen sucht.

Friedrich Merz, seit neun Monaten im Amt, hatte kurz zuvor an seine Koalitionsabgeordneten geschrieben, die Wirtschaftslage sei „sehr kritisch" und die bisherigen Maßnahmen „nicht ausreichend". Es seien „radikale" Schritte nötig. Womit er, ohne es zu wollen, das vernichtendste Urteil über seine eigene Regierung sprach.

Die Zahlen hinter der Note: 400.000 verlorene Industriearbeitsplätze seit 2019. Die Automobilindustrie allein hat 2025 sechzig­tausend Stellen abgebaut — sechs Prozent ihrer deutschen Belegschaft. Die Industrieproduktion liegt fünfzehn Prozent unter dem Stand von 2018. Volkswagen kündigt Werksschließungen an. Fast 200.000 Unternehmen haben 2024 aufgegeben, der höchste Stand seit 2011. Jedes vierte Industrieunternehmen plant Verlagerung ins Ausland; 2025 bereits jedes dritte.

Man kann diese Zahlen einzeln betrachten und einzelne Ursachen suchen: Energiepreise, Bürokratie, China-Konkurrenz. Oder man kann sie in ihrer Gesamtheit sehen und feststellen, dass hier etwas Grundsätzliches fehlt. Etwas, das alle erfolgreichen Industrienationen besitzen — und Deutschland nicht.

Einen Plan.

II. Der Sonderling

Deutschland ist unter den großen Industrienationen der einzige Sonderling, der glaubt, Industriepolitik sei ein Fremdwort. Nicht im Vokabular — durchaus in der Praxis. Während die anderen handeln, debattiert Deutschland. Während die anderen investieren, spart Deutschland. Während die anderen Strategien umsetzen, schreibt Deutschland Strategiepapiere, die in Schubladen verschwinden.

Das war nicht immer so. Die Gründerzeit, Bismarcks Schutzzölle, die Industriepolitik der Nachkriegszeit — Deutschland hat durchaus Traditionen staatlicher Wirtschaftslenkung. Aber irgendwann zwischen der Wiedervereinigung und der Agenda 2010 hat sich eine ordnungspolitische Orthodoxie durchgesetzt, die jede gezielte Industrieförderung als unzulässigen Eingriff in den heiligen Markt betrachtet. Ludwig Erhard wurde zum Säulenheiligen erklärt, die „unsichtbare Hand" zur Staatsreligion erhoben.

Der Markt soll es richten. Und wenn er es nicht richtet, dann war eben nicht genug Markt vorhanden.

Diese Glaubens­lehre hat einen entscheidenden Nachteil: Die Konkurrenz glaubt nicht daran.

III. Der Plan aus Peking

Im Mai 2015 veröffentlichte der chinesische Staatsrat die Strategie „Made in China 2025" — inspiriert, und das ist die bitterste Ironie, von der deutschen Initiative „Industrie 4.0". China nahm das deutsche Strategiepapier, das in Deutschland ein Strategiepapier blieb, und machte daraus einen Masterplan mit konkreten Zielen, Zeitrahmen und massiver Finanzierung.

Zehn Schlüsselsektoren: Elektrofahrzeuge, Halbleiter, Robotik, Luftfahrt, Biotechnologie, neue Materialien, Medizintechnik, Agrartechnik, Bahntechnik, Schiffbau. Für jeden Sektor definierte Ziele, Selbst­versorgungsquoten, Fördermaßnahmen. Hinter dem Plan stand die gesamte Macht des chinesischen Staates: Subventionen, Steuervergünstigungen, erzwungener Technologietransfer, staatliche Beteiligungen, garantierte Beschaffung.

Das Ergebnis, dokumentiert in einem 2025 erschienenen Bericht der US-China Economic and Security Review Commission: Bei Elektrofahrzeugen wurden alle Ziele vorzeitig erreicht. BYD, 2015 ein Nischenanbieter, ist zum größten Automobilhersteller der Welt aufgestiegen. Bei Solarpanels, Batterien und Hochgeschwindigkeitszügen ist China unangefochtener Weltmarktführer. Chinesische Firmen zeichneten zwischen 2015 und 2023 für fast ein Viertel des globalen Exportwachstums in den MIC2025-Sektoren verantwortlich.

Das ist keine Planwirtschaft alten Stils. Es ist strategische Industriepolitik mit klaren Zielen und unbedingtem Umsetzungswillen. China hat Fehler gemacht — Überkapazitäten, Preiskampf, mindestens zwanzig Prozent der Industrieunternehmen defizitär. Aber es hat gehandelt. „Made in China 2035" ist bereits in Vorbereitung.

Deutschland hat derweil sein Industrie-4.0-Papier in der Schublade gelassen.

IV. Der Plan aus Washington

Die Vereinigten Staaten galten lange als das Mutterland des Laissez-faire. Dass ausgerechnet Washington zur aktivsten Industriepolitik seit dem Kalten Krieg greifen würde, hat die meisten Beobachter überrascht — nicht aber diejenigen, die die amerikanische Geschichte kennen. Vom Erie-Kanal über die Eisenbahnen, das Interstate Highway System, DARPA und das Internet bis hin zur Mondlandung waren die größten amerikanischen Infrastruktur- und Technologie­leistungen immer staatlich initiiert.

Der Biden-Dreiklang von 2022 steht in dieser Tradition. Der CHIPS and Science Act mit einem Subventionsbudget von annähernd 200 Milliarden Dollar für die heimische Halbleiterproduktion. Der Inflation Reduction Act mit Hunderten von Milliarden für grüne Energie und Klima. Das Infrastructure Investment and Jobs Act für die physische Infrastruktur.

Die Ergebnisse sind verblüffend. Die Bauausgaben für neue Fabriken haben sich 2023 gegenüber 2022 mehr als verdoppelt. Der Anteil der Computer- und Elektronik­fertigung am gesamten Fertigungsbau stieg von elf Prozent im Jahr 2018 auf vierundsechzig Prozent im Jahr 2023. Die privaten Investitionen übersteigen die staatlichen Ausgaben um ein Vielfaches — der Hebel funktioniert. Rund 15.000 neue Arbeitsplätze allein in der Halbleiter­produktion, die Beschäftigung im Bereich sauberer Energien wächst mit vier Prozent jährlich.

Entscheidend ist die Philosophie. Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater, formulierte sie unmiss­verständlich: „We will unapologetically pursue our industrial strategy." Keine Entschuldigung. Keine ordnungs­politischen Gewissensbisse. Kein Glaube daran, dass der Markt es allein regelt, wenn es um strategische Industrien geht.

Deutschland hätte das Intel-Werk in Magdeburg zum Herzstück einer deutschen Halbleiterstrategie machen können. Stattdessen wurde es zum Symbol der Handlungs­unfähigkeit: zehn Milliarden Euro versprochen, in einem Koalitionsstreit zwischen Habeck und Lindner versunken, nie ausgezahlt, schließlich von Intel selbst auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Wahrscheinlichkeit der Realisierung liegt laut Experten unter fünfzig Prozent.

V. Der Plan aus Tokio

Japans Ministry of International Trade and Industry — das legendäre MITI — war das historische Vorbild für alle industriepolitischen Erfolgsgeschichten der Nachkriegszeit. Chalmers Johnson beschrieb es 1982 in seinem Klassiker „MITI and the Japanese Miracle" als den Prototyp des Entwicklungsstaates: eine Elite-Bürokratie mit politischem Handlungsspielraum, die strategische Sektoren identifiziert und durch kooperative Forschungs- und Entwicklungskonsortien zwischen konkurrierenden Unternehmen vorantreibt.

Das VLSI-Projekt von 1975 ist das Lehrbuchbeispiel. Fünf Konzerne — Hitachi, NEC, Fujitsu, Toshiba, Mitsubishi —, die im Markt erbitterte Konkurrenten waren, forschten gemeinsam an der nächsten Generation von Halbleitern. Der Staat identifizierte das Ziel und teilte die Kosten; die Unternehmen kooperier­ten in der Grundlagenforschung und konkurrierten in der Vermarktung. Ergebnis: Japan überholte die USA bei Speicherchips.

Über zweihundert solcher Konsortien existierten zwischen 1959 und 1992. Das Modell beruhte auf einer einfachen Einsicht: Es gibt Bereiche, in denen kooperative Forschung effizienter ist als atomisierter Wettbewerb. Der Staat muss nicht besser sein als der Markt — er muss nur die Hindernisse aus dem Weg räumen, die den Markt daran hindern, seine eigene Stärke zu entfalten.

Deutschland hatte einmal etwas Ähnliches — die Fraunhofer-Gesellschaft, die Max-Planck-Institute, das duale Bildungssystem. Aber zwischen Grundlagenforschung und industrieller Umsetzung klafft eine Lücke, die niemand schließt. Weil das Schließen von Lücken Industriepolitik wäre. Und Industriepolitik in Deutschland ein Fremdwort ist.

VI. Der Plan aus Seoul

Südkorea ist der vielleicht eindrucksvollste Beleg dafür, was gezielte Industriepolitik bewirken kann. 1961 lag das Pro-Kopf-Einkommen unter hundert Dollar — niedriger als in Guatemala, Kamerun oder dem Tschad. Niedriger sogar als in Nordkorea, dessen Wirtschaftsleistung ein Drittel höher war. Innerhalb einer Generation wurde Südkorea zum OECD-Mitglied und Technologieführer. Samsung, Hyundai, LG, SK — Namen, die heute für Spitzentechnologie stehen.

Der Weg dorthin führte über die härteste Industriepolitik, die eine Demokratie je betrieben hat. Präsident Park Chung-hee ließ nach seinem Militärputsch 1961 als erstes die einundfünfzig reichsten Geschäftsleute des Landes verhaften — wegen „unerlaubter Bereicherung". Dann wies er den großen Unternehmens­gruppen, den Chaebols, konkrete Aufgaben zu: Du baust Stahl, du baust Schiffe, du baust Maschinen. Der Staat stellte die Infra­struktur, vergab Kredite unter Marktzins, gewährte temporäre Monopole. Aber er kontrollierte die Leistung. Wer nicht lieferte, verlor die Förderung.

Das war kein Laissez-faire. Das war kein freier Markt. Das war staatlich gelenkte Industrialisierung mit klaren Zielen, strenger Leistungskontrolle und der unmissverständlichen Botschaft: Wir werden industrialisiert, und zwar jetzt.

In Deutschland dagegen können Konzerne die Erfindungen einzelner Ingenieure nutzen, Milliarden damit verdienen und den Erfinder totschweigen — ohne dass der Staat auch nur die Achseln zuckt. Das ist keine Ordnungspolitik. Das ist organisierte Gleichgültigkeit.

VII. Der Plan aus Paris

Selbst Frankreich, das nicht gerade als Vorbild wirtschaftlicher Dynamik gilt, betreibt eine konsequentere Industriepolitik als Deutschland. Der Dirigismus ist in Paris Staatsdoktrin — von de Gaulle über Mitterrand bis Macron. „France 2030" investiert vierundfünfzig Milliarden Euro in vertikale Industriepolitik: Automobil, Luftfahrt, Digital, Biotechnologie, grüne Industrie. Dazu hundert Milliarden aus dem Covid-Wiederaufbauprogramm.

Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Frankreich verzeichnete in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg ausländischer Direktinvestitionen und eine blühende Tech-Startup-Szene. Die Energiepolitik — dreißig Jahre konsequente Atomkraft — erweist sich als strategischer Vorteil: 2024 exportierte Frankreich netto 89 Terawattstunden Strom, der höchste Stand seit zweiundzwanzig Jahren. Die Exportabhängigkeit von den USA beträgt 1,8 Prozent des BIP — bei Deutschland sind es 3,8 Prozent.

Am 11. Februar 2026, einen Tag vor der Veröffentlichung dieses Essays, forderte Macron auf dem EU-Gipfel in Alden Biesen gemeinsame europäische Anleihen für Industrieinvestitionen und eine „Made in Europe"-Präferenz bei der öffentlichen Beschaffung. Sein Satz war unmissverständlich: „Wenn die EU in den nächsten drei bis fünf Jahren nichts tut, wird sie aus diesen Sektoren verdrängt."

Berlin bildet zusammen mit Rom eine Achse gegen gemeinsame EU-Schulden. Verhindern statt Gestalten — das ist die Rolle, die Deutschland in der europäischen Industriepolitik spielt.

VIII. Das Land ohne Plan

Bruno Le Maire, Frankreichs Finanzminister, brachte es 2024 auf den Punkt: „Was mich beeindruckt, ist, dass jeder auf der Welt eine Wirtschaftsstrategie hat — außer Europa." Er meinte vor allem Deutschland. Denn es ist Deutschland, das in der EU seit Jahrzehnten die ordnungspolitische Orthodoxie durchsetzt. Keine Industrie­subventionen. Keine strategische Sektorförderung. Keine gemeinsamen Schulden. Schwarze Null über alles.

Die Ergebnisse dieser Nicht-Strategie liegen offen. Seit 2017 ist die deutsche Wirtschaft um gerade einmal 1,6 Prozent gewachsen — der EU-Durchschnitt im selben Zeitraum: 9,5 Prozent. Deutschland ist nicht der Motor Europas. Deutschland ist der Anker, der Europa nach unten zieht.

Mario Draghis Bericht von September 2024 war der Versuch, Europa wachzurütteln. 800 Milliarden Euro jährliche Zusatzinvestitionen. Eine europäische ARPA. Kapitalmarktunion. Regulierungs­vereinfachung. Mehr Mehrheits­entscheidungen. Nach einem Jahr sind elf Prozent seiner Empfehlungen umgesetzt. Null Prozent in den Bereichen Energie, Verteidigung, Pharma und Automobil. Draghi selbst, frustriert: „Tut, was ich euch gesagt habe."

Aber Deutschland tut nicht. Es debattiert. Es bildet Kommissionen. Es schreibt Koalitionsverträge mit blumigen Absichtserklärungen. Und wenn die Absichten dann an der Realität scheitern, erklärt der Kanzler, es seien „radikale Schritte" nötig. Wie das Eingeständnis eines Arztes, der nach neun Monaten zugibt, dass die bisherige Therapie nicht wirkt — und dennoch keine neue verschreibt.

IX. Die fünfhundert Milliarden, die nicht ausgegeben werden können

Im Frühjahr 2025 geschah etwas historisch Einmaliges. Deutschland lockerte die Schuldenbremse und beschloss einen Infrastrukturfonds von fünfhundert Milliarden Euro — vierhundert Milliarden für den Bund, hundert Milliarden für Länder und Kommunen, verteilt auf zwölf Jahre. Dazu ein Verteidigungsbudget, das von zwei auf dreieinhalb Prozent des BIP steigen soll.

Es war der Moment, in dem die Hoffnung aufkeimte, Deutschland könnte den Schalter umlegen.

Zehn Monate später zeigt sich, dass Geld allein das Problem nicht löst. Die Bundesinvestitionen lagen 2025 zwar auf Rekordniveau — 87 Milliarden Euro —, aber neunundzwanzig Milliarden unter dem eigenen Plan. Fast ein Drittel der vorgesehenen Investitionen konnte nicht getätigt werden. Nicht wegen fehlender Mittel, sondern wegen fehlender Planungskapazität, fehlender Genehmigungen, fehlender Bau­unternehmen, fehlender Fachkräfte. Die Bundesbank ist skeptisch. Finanzminister Klingbeil gibt zu: „Wir müssen hier besser werden."

Deutschland kann das Geld nicht ausgeben. Nicht weil es keins hat, sondern weil die Strukturen es nicht zulassen. Jahrzehnte der Unterinvestition haben die Verwaltung ebenso verfallen lassen wie die Brücken. Ein Staat, der spart, bis er nicht mehr handlungsfähig ist, kann die Handlungsfähigkeit nicht durch plötzliches Geldausgeben wiederherstellen. Die Schuldenbremse hat nicht nur die Infrastruktur ruiniert — sie hat die Fähigkeit ruiniert, Infrastruktur zu bauen.

Verglichen damit investierte China allein im Zeitraum von MIC2025 Hunderte Milliarden Dollar gezielt und planmäßig in zehn strategische Sektoren. Die USA mobilisierten mit CHIPS Act und IRA ein Vielfaches an privaten Folgeinvestitionen. Südkorea baute in einer Generation die viertgrößte Halbleiterindustrie der Welt auf. Deutschland schafft es nicht einmal, eine einzige Chipfabrik zu bauen.

X. Warum?

Die übliche Erklärung lautet: Bürokratie, Energiepreise, Fachkräftemangel. Das ist nicht falsch, aber es ist oberflächlich. Die tiefere Frage ist: Warum hat Deutschland diese Probleme — und andere nicht?

Japan hat auch Bürokratie, aber eine, die als Hebel funktioniert statt als Bremse. Frankreich hat auch hohe Energiekosten, aber eine Energiestrategie, die auf dreißig Jahren konsequenter Atompolitik beruht. China hat auch Fachkräfteprobleme, aber ein Bildungssystem, das jedes Jahr mehr Ingenieure hervorbringt als Deutschland Einwohner hat.

Der Unterschied liegt nicht in den Problemen. Der Unterschied liegt in der Fähigkeit und dem Willen, sie zu lösen. Und dieser Wille setzt voraus, dass man überhaupt einen Plan hat — eine Vorstellung davon, wo man hin will und wie man dorthin kommt.

Franz Oppenheimer unterschied zwischen dem wirtschaftlichen und dem politischen Mittel der Bedürfnisbefriedigung. Das wirtschaftliche Mittel ist eigene Arbeit und freiwilliger Tausch. Das politische Mittel ist die unentgeltliche Aneignung fremder Arbeit. Was wir in Deutschland beobachten, ist eine dritte Kategorie: die organisierte Abwesenheit jedes Mittels. Weder wird gezielt gefördert noch wird das Bestehende geschützt. Es wird verwaltet, reguliert, debattiert — und dabei zugeschaut, wie andere die Wertschöpfung übernehmen.

Der deutschen Wirtschaft fehlt nicht der Markt. Der deutschen Wirtschaft fehlt der Staat — nicht als Regulierer, davon hat sie mehr als genug, sondern als strategischer Partner, als Ermöglicher, als jemand, der sagt: Diese Technologie ist wichtig, diese Industrie ist strategisch, hier investieren wir.

XI. Die Ironie und der Ausblick

Die größte Ironie der deutschen Industriegeschichte des 21. Jahrhunderts lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen. „Industrie 4.0" war eine deutsche Idee. „Made in China 2025" war ihre Umsetzung.

Während ich diese Zeilen schreibe, im Februar 2026, liegt die höchste Januar-Arbeitslosigkeit seit zwölf Jahren vor. Verdi bestreikt Krankenhäuser und den öffentlichen Nahverkehr. Der Kanzler fordert „radikale Schritte", ohne zu sagen, welche. Der Industriestrompreis, als Kernmaßnahme angekündigt, ist noch immer nicht eingeführt. Die fünfhundert Milliarden Euro liegen bereit, aber der Staat schafft es nicht, sie auszugeben.

In Washington produzieren die CHIPS-Act-Fabriken ihre ersten Halbleiter. In Shenzhen läuft BYD seinem fünfmillionsten Elektroauto entgegen. In Seoul eröffnet Samsung seine neueste Chipfabrik. In Paris plant Macron die nächste Generation von Kernkraftwerken.

In Berlin debattiert man.

Wolfgang Münchau schrieb in seinem Buch „Kaputt": „Innovation war untrennbar mit Bestands­unternehmen verbunden. Innovation wurde davon definiert, was VW, BMW und Mercedes als solche ansahen." Das war die Diagnose. Die Therapie wäre gewesen, eine Industriepolitik zu entwickeln, die über die Interessen einzelner Konzerne hinausgeht — die Erfinder schützt, Startups fördert, strategische Sektoren identifiziert und investiert.

Stattdessen hat Deutschland etwas getan, was kein anderes Industrieland der Welt getan hat: Es hat die Abwesenheit einer Strategie zur Strategie erklärt.

Alle haben einen Plan. Außer Deutschland.

• • •
„What strikes me is that everybody in the world has an economic strategy, except for Europe."
— Bruno Le Maire, Frankreichs Finanzminister, 2024
• • •
Februar 2026