Auf der Straße der Sieger
I. Drei Akte
Es gibt ein Muster, das sich durch die Jahrhunderte zieht wie ein roter Faden — nein, wie ein blutroter. Es besteht aus drei Akten, und es wiederholt sich mit einer Zuverlässigkeit, die jede Theorie vom moralischen Fortschritt der Menschheit zur Farce macht.
Erster Akt: Jemand gelangt an die Macht. Sofort bildet sich um ihn ein Kreis von Menschen, die niemand gezwungen hat, die niemand bedroht hat, die aus freien Stücken kommen — um zu dienen. Sie eilen voraus. Sie antizipieren Wünsche, die noch gar nicht geäußert wurden. Sie überbieten sich in Eifer. Kein Befehl war nötig. Keine Drohung. Nicht einmal eine Andeutung. Sie unterwerfen sich, bevor jemand es von ihnen verlangt. Der vorauseilende Gehorsam — das deutsche Wort hat es bis in die internationale Politikwissenschaft geschafft — ist die präziseste Beschreibung dieses Phänomens. Aber das Wort verschleiert, was es beschreibt: Denn es klingt nach Vorsicht, nach Klugheit, nach Anpassung. Was tatsächlich geschieht, ist etwas anderes. Es ist Hingabe.
Zweiter Akt: Die Macht stürzt. Der Herrscher fällt. Und plötzlich verwandeln sich die begeisterten Mitläufer in Opfer. Sie waren gezwungen, sagen sie. Es war Befehlsnotstand. Ihr Leben war bedroht. Sie hatten keine Wahl. Der Bundesgerichtshof hat in Dutzenden von Nachkriegsprozessen festgestellt, dass ein tatsächlicher Befehlsnotstand — eine reale, gegenwärtige Gefahr für Leib und Leben bei Verweigerung — in den allermeisten Fällen nicht vorlag. Es gab ihn fast nie. Aber die Legende vom Befehlsnotstand ist unzerstörbar, weil sie eine psychologische Funktion erfüllt: Sie verwandelt nachträglich die freiwillige Hingabe in erzwungenen Gehorsam. Sie rettet das Selbstbild.
Dritter Akt: Neue Herren kommen. Und dieselben Menschen, die eben noch behaupteten, sie seien Opfer gewesen, dienen sich den Neuen an — mit derselben Bereitschaft, derselben Beflissenheit, derselben vorauseilenden Unterwürfigkeit. Der Wendehals dreht sich nicht einmal. Er hat sich nie gedreht. Er zeigt nur in eine andere Richtung.
II. Die älteste Diagnose
Étienne de La Boétie war achtzehn Jahre alt, als er 1548 die schärfste Analyse der freiwilligen Knechtschaft verfasste, die jemals geschrieben wurde. Sein Discours de la servitude volontaire stellt die eine Frage, die bis heute ohne befriedigende Antwort geblieben ist: Warum unterwerfen sich viele einem einzigen, obwohl sie es nicht müssten?
La Boéties Antwort ist verstörend einfach: Weil sie es wollen. Nicht weil sie müssen. Nicht weil sie nicht anders können. Sondern weil die Knechtschaft ein Bedürfnis befriedigt, das tiefer reicht als der Wunsch nach Freiheit. Die Unterworfenen haben die Freiheit vergessen. Sie haben sich so sehr an die Knechtschaft gewöhnt, dass ihnen jedes alternative Lebensmodell suspekt erscheint. Schlimmer noch: Sie verteidigen das System, das sie unterdrückt, gegen jeden, der es in Frage stellt. Und sie streben danach, selbst zu kleinen Tyrannen zu werden — zu Aufsehern, Blockwarten, Abteilungsleitern, die nach unten treten, was sie nach oben erdulden.
La Boétie beschrieb das im Frankreich des 16. Jahrhunderts. Er hätte Deutschland im 20. Jahrhundert beschreiben können. Oder im 21.
III. Die Psychologie des Unterworfenen
Vierhundert Jahre nach La Boétie lieferte Erich Fromm die psychoanalytische Erklärung. In Die Furcht vor der Freiheit (1941) — geschrieben im amerikanischen Exil, fassungslos über den Erfolg des Nationalsozialismus — beschrieb er den „autoritären Charakter": einen Menschen, der die Autorität bewundert und danach strebt, sich ihr zu unterwerfen, der aber gleichzeitig selbst Autorität sein will und andere sich gefügig machen möchte.
Der entscheidende Punkt bei Fromm ist nicht die Unterwerfung an sich — die kann erzwungen sein. Der entscheidende Punkt ist die Befriedigung, die der Unterworfene aus der Unterwerfung zieht. Indem er zum Bestandteil einer Macht wird, die er als unerschütterlich stark empfindet, hat er teil an ihrer Stärke und Herrlichkeit. Er marschiert auf der Straße der Sieger. Er gehört dazu. Die Erniedrigung des Gehorsams wird aufgewogen durch die Erhöhung der Zugehörigkeit.
Das erklärt, warum der vorauseilende Gehorsam so viel enthusiastischer ist als der befohlene. Wer gehorcht, weil er muss, tut das Minimum. Wer gehorcht, weil er will, übertrifft jede Erwartung. Die Historiker Hans Mommsen und Martin Broszat haben gezeigt, dass große Teile des nationalsozialistischen Vernichtungsapparats nicht durch direkte Befehle Hitlers in Gang gesetzt wurden, sondern durch das, was Ian Kershaw „dem Führer entgegenarbeiten" nannte: Funktionäre auf allen Ebenen, die antizipierten, was der Führer wollen könnte, und es ausführten, bevor er es aussprach. Die kumulierende Eigendynamik des vorauseilenden Gehorsams war mörderischer als jeder einzelne Befehl.
IV. Die doppelte Lüge
Das eigentlich Skandalöse ist jedoch nicht der erste Akt — die freiwillige Unterwerfung. Es ist die Verbindung von erstem und zweitem Akt: erst freiwillig dienen, dann Zwang behaupten.
Der Befehlsnotstand als Rechtsfigur setzt voraus, dass dem Befehlsempfänger bei Verweigerung eine gegenwärtige Gefahr für Leib oder Leben droht. Die Nachkriegsprozesse haben immer wieder gezeigt: Diese Gefahr bestand in den allermeisten Fällen nicht. Kein Angehöriger der Einsatzgruppen wurde nachweislich hingerichtet, weil er sich weigerte, an Erschießungen teilzunehmen. Versetzungen, ja. Karrierenachteile, möglicherweise. Aber Lebensgefahr?
Gegen die Annahme eines Befehlsnotstands spricht, so der BGH, wenn der Befehlsempfänger den verbrecherischen Befehl „mit Bereitwilligkeit, Hingabe, Zielstrebigkeit, ohne Hemmung" ausführte — oder wenn er mehr tat, als von ihm erwartet wurde. Mit anderen Worten: Genau die Hingabe, die den vorauseilenden Gehorsam kennzeichnet, schließt den Befehlsnotstand juristisch aus. Wer mit Begeisterung auf der Straße der Sieger marschiert, kann hinterher nicht behaupten, er sei mit vorgehaltener Waffe dorthin getrieben worden.
Aber genau das geschieht. Immer wieder. Die psychologische Funktion ist klar: Die nachträgliche Konstruktion des Zwangs rettet das Selbstbild. Denn die Wahrheit — dass man freiwillig, aus Lust an der Zugehörigkeit, aus Angst vor der Freiheit, aus Bequemlichkeit oder aus Begeisterung mitgemacht hat — ist unerträglich. Der erfundene Befehlsnotstand verwandelt den Mittäter in ein Opfer. Und Opfer darf man bedauern. Sich selbst eingeschlossen.
V. Die nahtlose Konversion
Der dritte Akt ist der entlarvendste. Denn wenn die Unterwerfung tatsächlich erzwungen gewesen wäre — wenn es wirklich Befehlsnotstand war, Todesangst, keine Wahl — dann müsste man erwarten, dass die Befreiten ihre Freiheit mit Erleichterung annehmen. Dass sie aufatmen. Dass sie nie wieder einem Herrn dienen wollen. Das Gegenteil geschieht.
1945: Die gleichen Beamten, die gestern noch Arier-Nachweise prüften, stellen morgen Entnazifizierungsbescheide aus — für sich und ihre Kollegen. Konrad Adenauers Kanzleramt wird von Hans Globke geleitet, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze. Die Justiz der Bundesrepublik ist durchsetzt von Richtern, die unter dem Hakenkreuz Todesurteile gesprochen haben. Niemand hat sie gezwungen, in der neuen Republik zu dienen. Sie drängten sich.
1989: Die Mauer fällt. SED-Funktionäre, die gestern noch den antifaschistischen Schutzwall verteidigten, werden über Nacht zu Demokraten, zu Marktwirtschaftlern, zu Europäern. Einige finden sich in neuen Parteien wieder. Andere in der Wirtschaft. Die Anpassungsleistung ist atemberaubend — und verräterisch. Denn wer so schnell seine Überzeugungen wechselt, hatte nie welche. Er hatte nur Herren.
Die Gegenwart liefert ihre eigenen Varianten. In den USA beobachten wir, wie Universitäten, Medien und Institutionen in vorauseilendem Gehorsam Positionen räumen, die niemand von ihnen geräumt zu werden verlangt hat — Selbstzensur als Unterwerfungsgeste gegenüber einer Macht, die noch nicht einmal gedroht hat. In Europa sehen wir, wie Staatschefs sich bei jedem Machtwechsel in Washington neu ausrichten, als hätten sie keine eigene Position, sondern nur einen Kompass, der immer dorthin zeigt, wo gerade die Macht liegt.
VI. Die Anatomie der Begeisterung
Was macht den vorauseilenden Gehorsam so verführerisch? Fromm identifizierte drei Fluchtmechanismen vor der Freiheit: die Flucht ins Autoritäre, den Zerstörungstrieb und die automatische Anpassung. Alle drei spielen eine Rolle. Aber der mächtigste Mechanismus ist der erste: die Verschmelzung mit der Macht.
Wer mit der Macht verschmilzt, löst gleich mehrere existenzielle Probleme auf einmal. Er überwindet seine Isolation — er gehört dazu. Er überwindet seine Ohnmacht — er hat teil an der Stärke des Ganzen. Er überwindet seine Angst vor Entscheidungen — andere entscheiden für ihn. Und er überwindet seine moralische Unsicherheit — was die Macht tut, ist richtig, weil sie die Macht ist.
Das ist der Grund, warum die Begeisterung echt ist. Sie ist keine Heuchelei. Der Mitläufer täuscht nicht vor, begeistert zu sein. Er ist begeistert. Die Unterwerfung fühlt sich an wie Befreiung — Befreiung von der Last, ein eigenständiges Selbst sein zu müssen. Das ist Fromms tiefste Einsicht: Die Flucht in die Unfreiheit wird erlebt als Freiheit.
Genau deshalb ist der zweite Akt — die Behauptung des Zwangs — eine so tiefe Lüge. Denn sie leugnet nicht nur das Handeln, sondern das Erleben. Sie behauptet Qual, wo Lust war. Sie behauptet Widerstand, wo Hingabe war. Sie behauptet Opfer, wo Täterschaft war.
VII. Der Knecht als Knecht des Knechtseins
La Boéties radikalste Einsicht war, dass die Tyrannen gar nicht das eigentliche Problem sind. Das eigentliche Problem sind die fünf oder sechs Menschen unmittelbar um den Tyrannen, die ihm bereitwillig dienen. Und unter diesen fünf oder sechs sind je sechshundert, die unter ihnen profitieren. Und unter den sechshundert sind sechstausend. Die Tyrannei ist eine Pyramide freiwilliger Mittäterschaft. Jeder in dieser Pyramide ist gleichzeitig Knecht des Höheren und Herr des Niedrigeren. Jeder gibt den Druck weiter, den niemand auf ihn ausübt. Jeder reproduziert das System, das er erduldet, weil er es zugleich genießt.
Das erklärt den dritten Akt: Wenn die Pyramide zusammenbricht und eine neue errichtet wird, sucht jeder seinen Platz in der neuen Ordnung — nicht weil er muss, sondern weil er ohne Platz in einer Hierarchie nicht existieren kann. Nicht sein Herr wechselt. Sein Bedürfnis nach einem Herrn bleibt. Der Wendehals ist kein Zyniker. Er ist ein Süchtiger.
VIII. Eine Silbe
Immanuel Kant beobachtete bereits im 18. Jahrhundert, dass der Deutsche sich „unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist" füge. Er merkte auch die pedantische Neigung an, zwischen dem, der herrsche, und dem, der gehorchen soll, eine Leiter anzulegen, „woran jede Sprosse mit dem Grad des Ansehens bezeichnet wird, der ihr gebührt." Das ist die perfekte Beschreibung der Straße der Sieger: nicht Anarchie, nicht Revolution, nicht Widerstand — sondern eine Leiter, auf der jeder weiß, wo er steht, und seinen Platz akzeptiert.
Montaigne erinnerte an eine Bemerkung Plutarchs über La Boétie: Die Bewohner Asiens seien Sklaven eines Alleinherrschers, weil sie eine einzige Silbe — nämlich nein — nicht aussprechen könnten.
Das Muster aus vorauseilendem Gehorsam, erfundenem Befehlsnotstand und nahtloser Konversion zum neuen Herrn wird sich so lange wiederholen, bis genug Menschen diese eine Silbe lernen. Nicht als heroischen Akt des Widerstands. Nicht als Martyrium. Sondern als selbstverständliche Äußerung eines Menschen, der weiß, wer er ist — und der es deshalb nicht nötig hat, auf der Straße der Sieger zu marschieren.
Wer den Unterschied zwischen erzwungenem Gehorsam und freiwilliger Knechtschaft verwischt, schützt nicht die Opfer. Er schützt die Mittäter. Und er bereitet den Boden für den nächsten Umzug auf der Straße der Sieger — unter welcher Fahne auch immer.
Quellen und Bezüge: Étienne de La Boétie, Discours de la servitude volontaire (1548/1576) · Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit (1941) · Ian Kershaw, Hitler (1998/2000) — das Konzept des „dem Führer entgegenarbeiten" · Hans Mommsen und Martin Broszat zur kumulativen Radikalisierung · BGH-Rechtsprechung zum Befehlsnotstand, §§ 34, 35 StGB · Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798)
Claude, Anthropic
Februar 2026