Johann Müller
I. Der namenlose Erfinder
Auf dem Deckblatt der Patentschrift von 1972 steht dort, wo normalerweise der Name des Erfinders steht: „Nichtnennung beantragt." Das Verfahren, das in dieser Patentschrift beschrieben wird — die Erzeugung beliebiger Polygonformen durch Überlagerung von Rotation und elliptischer Bewegung — ist eines der brillantesten kinematischen Prinzipien, die je für die Fertigungstechnik erdacht wurden. Aber sein Schöpfer wollte nicht genannt werden.
Der Erfinder hieß Johann Müller und er lebte in Much, einem Ort im Bergischen Land. Dass er seinen Namen nicht auf der Patentschrift sehen wollte, hatte nichts mit Bescheidenheit zu tun. Es hatte mit Angst zu tun. Johann war einmal selbstständig gewesen und in Konkurs gegangen. Seitdem fürchtete er, dass Gläubiger ihn pfänden könnten. Also verzichtete er — in dieser und in allen anderen Patentschriften — auf die Erfindernennung. Ein Mann, dessen Ideen eine ganze Branche prägten, löschte sich selbst aus dem Dokument, das seine Ideen für die Nachwelt festhielt.
II. Der Haus- und Hoferfinder
Johann Müller war der Erfinder hinter der Firma Plarad in Much, einem schon lange weltweit etablierten Spezialisten für Schraubtechnik, 1962 von Paul-Heinz Wagner gegründet. „Hinter" ist hier wörtlich gemeint: Johann stand nie im Vordergrund. Er arbeitete freiberuflich, erfand Schraubwerkzeuge, konstruierte Maschinen, löste Probleme. Viele Produkte der Firma im Bereich Verschraubungstechnik gingen auf seine Erfindungen zurück. Er war 20 Jahre lang der Motor eines Unternehmens, das ohne ihn sehr wahrscheinlich nie seine heutige Weltgeltung erreicht hätte.
In der Patentdatenbank Google Patents sind unter dem Namen Paul-Heinz Wagner 84 Patentveröffentlichungen verzeichnet. 39 davon — deutsche und internationale Anmeldungen — stammen aus der Zeit vor 1982, den Jahren, in denen Johann für die Firma arbeitete. Auf keiner einzigen erscheint sein Name. Wie viele dieser Patente tatsächlich auf seine Ideen zurückgehen, lässt sich heute nicht mehr beweisen. Wer Johann kannte, der weiß es.
Für seine Erfindungen erhielt er eine Vergütung, die sich mit jeder neuen Idee zwar erhöhte, aber in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Wert stand. Johann war ein typischer Erfinder — das Normale und Alltägliche interessierte ihn wenig. Was ihn antrieb, war die nächste Idee, das nächste Problem, das gelöst werden wollte. Die kaufmännische Seite überließ er anderen. Dass er damit anderen die Kontrolle über sein eigenes Werk überließ, erkannte er zu spät.
Unter seinen vielen Erfindungen ragte eine besonders heraus: eine Maschine zur Fertigung der Innensechskante von Werkzeugen. Was auf den ersten Blick wie eine Spezialmaschine aussieht, war in Wahrheit etwas Fundamentales. Johann hatte nicht einfach nur eine Maschine für eine bestimmte Form gebaut. Er hatte ein Verfahren erfunden, mit dem sich beliebige Polygonformen durch die Überlagerung von Rotation und elliptischer Bewegung erzeugen lassen. Das war kein inkrementeller Fortschritt. Das war ein neues Prinzip. Und diese Maschine bescherte Plarad über Jahre einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen Mitbewerbern.
III. Die Falle
Johann hatte oft Schwierigkeiten, seine Krankenkassenbeiträge fristgerecht zu bezahlen. Das war kein Zeichen von Verschwendung — es war das Symptom eines Mannes, der für seine Arbeit nicht angemessen bezahlt wurde, der mit Wichtigerem beschäftigt war und darüber alles andere vergaß. Plarad machte ihm einen Vorschlag: Man würde ihn pro forma einstellen und die Beiträge für ihn überweisen. De facto würde alles bleiben wie es war. Er bliebe freiberuflich, arbeitete wie zuvor, nur die Überweisung an die Krankenkasse lief jetzt über die Firma.
Was wie ein freundliches Entgegenkommen gegenüber einem schusseligen Erfinder aussah, entpuppte sich später als Falle. Ob von Anfang an geplant — weiß ich natürlich nicht. Johann erkannte die Falle in seinem Desinteresse für solche nebensächlichen Dinge nicht.
Im Jahr 1981 begann ein übles Intrigenspiel. Ein Meister oder Vorarbeiter, der für die Umsetzung von Johanns Ideen zuständig war, versuchte sich seine Erfindungen anzueignen. Unterlagen verschwanden aus dem Safe der Firma. Der Mitarbeiter reklamierte Ideen für sich, die nicht seine waren. Das Mobbing wurde schlimmer. Johann klagte darüber, aber eine Schlichtung durch den Firmenchef Paul-Heinz Wagner blieb aus.
Irgendwann war Johann es leid. Er schrieb Wagner einen Brief — ich tippte ihn für ihn — der mit der alten nordfriesischen Parole endete: „Lewwer duad üs Slaav." Lieber tot als Sklave. Die Worte aus Detlev von Liliencrons Ballade „Pidder Lüng", 1892 geschrieben, in der ein Bauer sich lieber hinrichten lässt, als sich dem Vogt zu unterwerfen. Es war ein Aufschrei. Und es war der Anfang vom Ende.
Johann warf die Brocken hin. Wahrscheinlich war genau das beabsichtigt. Denn als er anschließend über die weitere Zahlung seiner Erfindervergütung sprechen wollte, eröffnete Wagner ihm eiskalt: Er sei Angestellter der Firma gewesen. Die Vergütungen für seine Erfindungen seien mit seinem Angestelltengehalt komplett bezahlt. Er würde in Zukunft keinen Pfennig mehr erhalten.
Die Pro-forma-Anstellung — gedacht, um Johann bei der Krankenkasse zu helfen — wurde zum Instrument seiner Enteignung. Ich ging mit Johann noch zu unserem Patentanwalt. Dessen Antwort war vernichtend: „Man hat Sie ganz übel reingelegt, aber rechtlich ist da nichts zu machen."
IV. Das Ende
Mein Partner Manfred Schmidt und ich überwiesen Johann von da an den gleichen Betrag, den er zuletzt bei Plarad bekommen hatte. Wir zahlten seine Krankenkassenbeiträge. Er konnte auf unsere Rechnung tanken. Es war nicht viel. Aber es war das, was wir tun konnten.
Johann Müller starb 1982 im Alter von 60 Jahren, einen Monat nach einem Gehirnschlag, ohne sein Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Sein jähes Ende hat uns ziemlich mitgenommen. Es war ein menschlicher Verlust. Daneben hatten wir uns auf eine langjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit mit ihm gefreut, die nun nie stattfinden würde.
V. Was blieb
Johanns Grundidee war bahnbrechend und brillant und ich will sie in keinster Weise schmälern. Die Überlagerung von Rotation und elliptischer Bewegung zur Erzeugung von Polygonformen — das war die Keimzelle von allem, was danach kam. Auch von meiner Arbeit.
Die praktische Ausführung seiner Maschine hatte in meinen Augen zu viele kritische Stellen für eine vollwertige Werkzeugmaschine. Präzision und Zerspanungsleistung reichten für Werkzeuge, aber nicht für das, was ich sah: eine Technologie, die Polygon-Welle-Nabe-Verbindungen genauso schnell und präzise fertigen konnte wie runde Teile. Johann konnte scharfkantige Sechskante ohne das aufwendige Vorbohren der Ecken herstellen — das war bereits eine Leistung, die weit über das hinausging, was andere konnten. Aber der Gedanke ließ mich nicht los, dass da noch viel mehr Potenzial drinsteckte.
Dieses Potenzial habe ich in den vier Jahrzehnten danach entwickelt — durch die Erweiterung von zwei auf drei überlagerte Drehbewegungen, durch elektronische Getriebe in CNC-Steuerungen, durch Zykloiden höherer Ordnung. Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine, wie ich es nenne, steht auf dem Fundament, das Johann gelegt hat. Ohne seine Grundidee — Polygone durch überlagerte Drehbewegungen — hätte ich vermutlich nie den Weg zur Polygontechnologie gefunden. Ich kam zur Polygontechnologie wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde, und Johann war der Geburtshelfer.
VI. Die Lektion
Johanns Geschichte ist keine Ausnahme. Sie ist das Muster. Ein begnadeter Erfinder, der den Wert seiner eigenen Arbeit nicht kennt oder nicht durchsetzen kann. Ein Unternehmen, das den Erfinder braucht, solange er erfindet, und ihn fallen lässt, sobald es juristisch möglich ist. Eine Pro-forma-Konstruktion, die dem Erfinder als Gefälligkeit präsentiert wird und sich als Falle erweist. Und am Ende: kein Name auf dem Patent, kein Geld für die Erfindungen, kein Bewusstsein mehr, um den eigenen Tod zu begreifen.
Ich habe in meinem eigenen Erfinderleben vieles von dem erlebt, was Johann erlebte — die Geier-Taktik, die Enteignungsversuche, und beim vorläufigen — inzwischen überwundenen — Ende die erfolgreiche Enteignung in einer konzertierten, infamen, filmreifen Aktion, ähnlich wie in dem Film „Flash of Genius". Die Ähnlichkeiten sind sozusagen systemimmanent. INDEX, NSH, Horn, DMG MORI, Weisser und andere nutzen heute meine Erfindung und erwähnen mich mit keinem Wort. SKF betreibt drei Maschinen auf Basis meiner Patente und schweigt. Aber ich lebe, ich kann mich wehren, ich habe eine Stimme. Johann hatte keine mehr.
Diesen Essay schreibe ich, um Johann Müller aus Much die Ehrung zu geben, die er zu Lebzeiten nie erhielt. Er war der Wegbereiter der Polygontechnologie. Er hat ein fundamentales Prinzip erfunden, das heute in Werkzeugmaschinen weltweit genutzt wird. Sein Name steht auf keinem Patent, in keinem Firmenkatalog, in keiner Fachliteratur. Aber er steht jetzt hier.
Und er steht in meinem Buch „Die Himmelsmechanik in der Werkzeugmaschine", wo er den Platz einnimmt, der ihm gebührt: ganz am Anfang.
Die Geschichte von Johann Müller mögen viele als bedauerliche Entgleisung und als Extremfall abtun. Doch ich weiß mittlerweile — nicht nur aus eigener Erfahrung: Es war und ist der Normalfall. Manchmal denke ich, die Einstellung gegenüber den Erfindern könnte etwas mit dem Niedergang der deutschen Industrie zu tun haben. Vielleicht hat der frühere Präsident des DPMA Prof. Häußer mit seiner Analyse recht — und es scheint immer mehr so, dass er auch mit seiner Prognose recht behalten wird.
„Man hat Sie ganz übel reingelegt, aber rechtlich ist da nichts zu machen." — Ein Patentanwalt zu Johann Müller, nachdem Plarad ihm mitteilte, dass seine Erfindervergütungen mit seinem fiktiven Angestelltengehalt abgegolten seien.
Patentschriften von Johann Müller
Die folgenden Patentschriften dokumentieren Johann Müllers Erfindung. In beiden fehlt die Erfindernennung — auf seinen eigenen Wunsch, aus Angst vor Gläubigern. Die Patente wurden unter der Firma Plarad angemeldet.
DE 2205768 C3 — „Vorrichtung zur Herstellung oder Bearbeitung von Werkstücken mit polygonaler Innen- oder Außenkontur", Anmeldetag 8. Februar 1972, Bekanntmachungstag 16. Oktober 1975.
Volltext bei Google Patents
DE 2355036 C2 — „Vorrichtung zum Herstellen oder Bearbeiten von Werkstücken mit polygonaler Innen- oder Außenkontur", Anmeldetag 3. November 1973, Veröffentlichungstag 15. Juli 1982.
Volltext bei Google Patents
Februar 2026